Albanien – Der Honig der Adlersöhne
Albanien – Der Honig der Adlersöhne
Der Balkan beginnt am Terminal 3 des Flughafens Wien-Schwechat. Die Gates mit Destination Tirana, Zagreb oder Pristina liegen am äußersten Ende und noch dazu in dessen Untergeschoss. Gucci-Felltaschen und Hermesläden sind verschwunden, ebenso die Restaurants und Cafés. Die touristische Infrastruktur beschränkt sich auf einen Getränkeautomaten, wie er auch in Betriebskantinen oder Autowerkstätten zu finden ist. Er ist nur eingeschränkt funktionsfähig. Wer jetzt noch keinen Mozartlikör gekauft hat, der findet keinen mehr. Der Boden ist ein grober Teppich aus Kunststoff, die Decke eine bizarre Landschaft aus Röhren und Schläuchen. Niemand findet es der Mühe wert, sie hinter einer Abdeckung zu verstecken. Das Gedränge und Geschiebe des Flughafenbetriebes zu Ferienbeginn findet hier ein jähes Ende. Diejenigen, die hier auf den Abflug warten, sind nicht auf Shoppingtour nach New York oder Paris. Viele der Reisenden scheinen die Osterfeiertage für einen Familienbesuch zu nutzen. Balkanblond wird zu einer häufigen Haarfarbe.
Wenige Kilometer vom Flughafen entfernt liegt Laknas, ein Vorort von Tirana. Kühe und Ziegen beweiden die freien Flächen, Hühner laufen frei herum. Die Trennung von Stadt und Land scheint hier aufgehoben. Frauen in weiten Röcken sitzen auf Schutthaufen am Straßenrand. Vieles erinnert an die Türkei. Allgegenwärtig sind Elemente der Unfertigkeit: Betongerippe, aufgerissene Straßen und Gehsteige. Wir sind auf der Suche nach der Uka Farm, einem bekannten Weingut und zugleich auch ein renommiertes Restaurant. Der Wegweiser in den Ort ist erst im Rückspiegel erkennbar. Wir wenden, fragen mehrfach Passanten um den Weg. Die Hilfsbereitschaft ist trotz der Sprachprobleme erstaunlich. Kein Schild am Eingang weist auf ein Restaurant hin. Dafür ein Platzeinweiser, der beim Parken behilflich ist. Uns erwartet die erste von zahlreichen Überraschungen unserer Reise: Eine coole Location inmitten von Weinstöcken und Gärten, ein großartiges Mittagessen mit Tomahawk- Steak vom Grill und Gemüse aus dem Garten und Wein von zwei autochthonen weißen Rebsorten aus der eigenen Kellerei, die besonders beeindrucken: Pulëz, aus dem Süden des Landes und Ceruja, eine nicht veredelte Rebsorte aus den Bergen nördlich von Tirana, die traditionellerweise an Maulbeerbäumen gezogen wurde.
An Tirana ist zunächst die hohe Mercedesdichte auffällig. Und die Fahrweise, vor der uns selbst der Autovermieter am Flughafen schon gewarnt hatte. Autos halten mit Warnblinkanlage in erster Spur, um Zigaretten zu kaufen, die Vorrangregeln sind uneindeutig. Ein Kellner in einem Café am zentralen Skanderbeg-Platz bietet uns seine Dienste als Reiseleiter an. Von den 300 Euro monatlich, die er als Kellner verdiene, könne er nicht leben. Sintflutartiger Regen führt zu einem massiven Stau bei der Ausfahrt Richtung Süden. An einer Baustelle auf der Autobahn reicht das Regenwasser bis zur Bodenplatte der Fahrzeuge.
Bei Tepelena erreichen wir das Vjosatal: Psychedelische Schönheit, ein Frühlingsmorgen in fast obszöner Farbenpracht: Schnee auf den Bergspitzen, lilablühende Judasbäume auf den Terrassen der Hänge, die Wiesen in üppigem Grün, durchsetzt mit Massen von Frühlingsblüten, Rosmarinsträucher und wilde Anemonen blühen am Wegrand. Im Talgrund, majestätisch, die Vjosa, der letzte nicht regulierte Fluss Europas. „Die Zeit“ schrieb 2021: “Die Vjosa nimmt fast den gesamten Talkessel ein, sie macht sich gut zwei Kilometer breit, wird dann wieder schmaler, mal erhöht sie ihr Tempo, mal bremst sie sich. Ständig verändert sie ihr Gesicht. Sie ist eigenmächtig, sie tut, was sie will, sie spielt mit der Landschaft.” Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich auch die Schattenseiten dieser wilden Flusslandschaft. Wilde Müllhalden, die offensichtlich über das regelmäßige Hochwasser entsorgt werden. Reste von Plastik und Textilien schmücken wie tibetanische Gebetsfahnen die Bäume des gesamten Ufers. Entlang des Flusses ziehen große Schaf- und Ziegenherden samt dazugehörigen Schäfern, die an Hirtenstäben lehnen. Nur ihre Mobiltelefone passen irgendwie nicht in die bukolische Romantik. →
Der erste Versuch des Zusammentreffens mit der Imkerfamilie Sali im südalbanischen Gostivisht gerät zum Schlammdesaster. Sintflutartige Regenfälle in den letzten Tagen haben die Wege selbst für unseren Wagen mit Allradantrieb unpassierbar gemacht. Nur mit allergrößter Mühe gelingt der Rückweg.
Wir treffen uns am nächsten Tag im Sommerquartier der Familie in der Stadt Përmet. Die Gemüse- und Weinterrassen reichen hinab zum Flussufer der Vjosa. Ein opulentes Mittagessen auf der Sonnenterrasse lässt die Strapazen des Vortages rasch vergessen: Hühnersuppe, Wildschweinragout, getrocknetes Ziegenfleisch, Käse von Schaf und Ziege sowie Honigkuchen. Dazu selbstgemachter Rotwein und Raki. Flora Sali, (39), Krenar Sali, (43), sowie Albas Sali, der 17-jährige Neffe, Jungimker und zugleich auch genialer Übersetzer sitzen mit am Tisch. Die Gastfreundschaft der Albaner ist überwältigend.
Die Bienenhaltung betreiben die Salis in drei Landschaftsstufen: In der Tallage um Përmet, wo sich die Bienen über den Winter und im Frühjahr aufhalten, herrschen paradiesische Verhältnisse für Bienen. Eine immense Auswahl an Trachtpflanzen steht den Bienen von Februar bis November ohne Unterbrechung zur Verfügung. Dementsprechend hoch ist auch die Bienendichte im Tal. Im Bergdorf Gostivisht, auf etwa 700m Seehöhe, findet die Aufzucht der Jungvölker statt. Geerntet wird in diesem Imkerdorf überwiegend Blütenhonig. Von den 14 Familien, die dort leben, hat die Hälfte Bienen. Zur Zeit der Bedunicablüte wandern alle Bienen der Salis ins Gebirge, auf einen Stellplatz in einer Seehöhe von 1.200 Metern. Für den mühsamen Transport hat die Familie eigens einen Weg anlegen lassen.
Flora Sali ist Aktivistin bei Slow Food Albanien. Unter den vielen albanischen Produkten, die es in die Liste der schützenswerten Agrarprodukte gebracht haben, befinden sich auch zwei Sortenhonige aus ihrer Region: Der Mjalte mare, der Honig vom Erdbeerbaum, lat. Arbutus unedo, ist der bitterste aller Honige. Das Heidekrautgewächs blüht im Oktober und November. Gleichzeitig befinden sich bereits auffällig rote Früchte, die an Erdbeeren erinnern an den Zweigen. In der Region um Përmet gibt es noch eine eigene Art von Erdbeerbaum, die ausschließlich im Frühjahr blüht. Der zweite Honig heißt Mjalte Bedunice. Der Nektar dafür stammt von einer Pflanze namens Staehelina uniflosculosa. Der Korbblütler ist auf dem Balkan endemisch und bildet ausschließlich in einigen Gebirgszonen des Hotovë-Dangelli Nationalparks, nordöstlich von Përmet, größere Bestände. Die Blütezeit beginnt im August und die Ernte des Honigs erfolgt im September. Bedunica Honig hat kurz nach der Ernte einen gelbgrünen Farbton und intensive florale Aromen. Am Gaumen erinnert er an weiße Schokolade mit einem rauchigen Bitterton im Abgang. Der Gebirgshonig kristallisiert relativ rasch zu einer feinen, hell-bernsteinfarbenen Masse.
Honig spielt in der Küche Albaniens eine maßgebliche Rolle. Das Hotel Mangalemi ist eines der schönsten und ältesten in Berat, auch Die Stadt der tausend Fenster genannt. Berat und seine historischen Steinhäuser zählen seit 2008 zum UNESCO Weltkulturerbe. Auf der Speisekarte des altehrwürdigen Hotels ist in vier von acht Desserts Honig enthalten: Bakllava, Shendetli (Honig-Nusskuchen), Yoghurt mit Honig und Walnüssen sowie Früchte mit Honig.
Wir fahren zum Bienenstand. In vier langen Reihen stehen bunte Bienenstöcke im Abstand von mehreren Metern, verteilt über den ganzen Hang. Im Hintergrund leuchtet frischer Schnee vom Gipfel des 2.200 m hohen Nemërçka Gebirges. Imker Krenar Flori erzählt von einer Begegnung mit einem Bären an diesem Bienenstand. Ein Bär habe sich eben an einem Bienenstock gütlich getan, als Krenar sich mit seinem Geländewagen näherte. Der Imker und erfahrene Jäger wusste, dass Bären bei Gefahr stets die Flucht ergreifen. Der Imker zeigt auf eine zerstörte Bienenzarge, die immer noch in einigen Metern Abstand im Gebüsch liegt. Eine leergefressene Bienenwabe hängt an einem Strauch. 15 Völker hat Krenar bereits an Bären verloren, bei einem benachbarten Bienenstand waren es gleich fünf in einer einzigen Nacht.
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Braunbären im Nationalpark anzutreffen ist keine Seltenheit. Auch Wölfe und Wildschweine kommen vor und vor allem der Steinadler, das Wappentier der Albaner und elementarer Teil des Selbstverständnisses der „Shqiptaren“, der Söhne der Adler, wie sich die Albaner selbst bezeichnen.
Das Ende der 400-jährigen Herrschaft der Osmanen hatte mehrfach die Begehrlichkeiten der Nachbarn auf albanisches Territorium geweckt. „Gostivisht wurde im letzten Jahrhundert dreimal niedergebrannt, erzählt Flora. „1939 von Mussolini, 1940 von den Griechen und zuletzt 1943 von den Deutschen. Die Griechen waren die Schlimmsten.“ Spuren der vielen Verteidigungskriege, die Albanien führen musste, findet man in Form von Mahnmalen an Straßenrändern im ganzen Land. Plastikblumen erzählen Zeitgeschichte.
Nur wenige hundert Meter vom Bienenstand der Salis entfernt, befinden sich die heißen Quellen von Bënjës, eine noch wenig genutzte touristische Attraktion ersten Ranges. Aus einem Felsmassiv tritt 32 Grad warmes Thermalwasser. Ein kleines, halbkreisförmiges Becken lädt zum Bade ein. Der Ort ist frei zugänglich und wird in dieser kühlen Osterwoche nur von einigen Campern genutzt. Wie lange noch, ist die Frage, habe doch der Prinz von Abu Dhabi bereits Kaufinteresse angemeldet. Knapp oberhalb des Bades quert eine Ziegenherde scheinbar ohne Mühe eine Steinbrücke aus der Osmanenzeit. Zwei Tiere versäumen den Anschluss und bleiben zurück. Erst das aufmunternde Meckern der Herde jenseits des Flusses gibt ihnen den Mut zu folgen. Weiter hinten und gut verborgen in der Lengaricaschlucht befinden sich laut Wanderkarte antike Ausgrabungsstätten.
Flora’s Großmutter hatte seit ihrer Jugend Bienen. Als Bienenwohnungen dienten damals Strohkörbe und um an den Honig zu gelangen, wurden die Bienen getötet. Die Großmutter hatte das Alter von hundert Jahre erreicht, als sie vor 10 Jahren starb. Flora hat die Bienen von ihr übernommen. Ihr Mann Krenar ist Moslem und wurde in Gostivisht geboren. Flora stammt aus einer christlichen Familie aus dem Nachbarort Frashër. Eine Doppelhochzeit habe die Bande zwischen den Familien gefestigt, erzählt Albas, der Neffe von Flora. 90 Völker habe die Familie Sali. Sie seien eigentlich zwei Imkerfamilien. Sein Vater habe seine eigene Imkerei mit etwa 100 Völkern. Flora sei die Schwester seiner Mutter und ihr Mann der Bruder seines Vaters. Seine Tante Flora habe ihn gefüttert, als er klein war, zugleich mit ihrer eigenen Tochter. Alle leben im selben Haus. Was Albas vorhat in seinem Leben? „Ich möchte mit Bienen arbeiten, aber vorher will ich noch nach England oder Amerika, um Geld zu verdienen“, sagt er entschlossen.
Bei der Bienenarbeit betätige sie nur den Rauchapparat, sagt Flora. Ihr Mann Krenar mache die ganze weitere Arbeit, auch das Füllen des Honigs in Gläser. Für den Verkauf des Honigs sei dann wieder sie zuständig.
Flora stammt aus einer großen Familie. Sie lebte mit fünf Schwestern, den Eltern und ihren Großeltern in einem geräumigen Steinhaus. Bevor Enver Hoxha an die Macht kam, hatte die Familie großen Grundbesitz und besaß viele Kühe und auch Bienenstöcke. „Die Kommunisten haben uns alles weggenommen“, sagt Flora. Und ergänzt: „Wir wollen uns nicht daran erinnern.“ →
Enver Hoxha war wohl einer der bizarrsten aller europäischen Diktatoren. In den 70igern und 80igern des letzten Jahrhunderts, als andere kommunistische Regime sich zu öffnen begannen, drängte er sein Land in die völlige Selbstisolation. Er brach mit allen Verbündeten und überzog Albanien mit hunderttausenden Betonbunkern. Jeglicher private Grundbesitz war verboten mit Ausnahme von einer Kuh, fünf Bienenstöcken und etwa 100m2 Grund für den Küchengarten. Albanien war das einzige Land der Erde mit Atheismus als verordneter Staatsreligion.
„Die Region Përmet hat eine große touristische Zukunft. Wir haben die Landschaft des Nationalparks, die warmen Bäder von Bënës, die Osmanenbrücke und eine große kulinarische Tradition“, ist Flora überzeugt. Der Verein Pro Permet vernetzt die Landwirte mit den besten Restaurants in der Region. So stammen etwa Käse, Honig und Wein aber auch Gemüse und Fleisch im Restaurant Antigonea von Bauern aus der Nachbarschaft. Zwei Käsereien in der Nähe von Përmet verarbeiten die Milch von mehreren Bauern zu Feta und Hartkäsespezialitäten. Mehrere albanische Weingüter spielen auch in der internationalen Liga bereits an vorderster Stelle. Die Villa Përmet, das beste Hotel in der Stadt, steht stellvertretend für das Schicksal und die Hoffnung des Landes. Ursprünglich in Besitz einer reichen Kaufmannsfamilie, gedemütigt durch Enteignung, niedergebrannt und fast vollständig zerstört, ist es nun das strahlende Vorzeigeprojekt und der Stolz der Stadt. Das Viertel um das Hotel wird zum Ausgangspunkt der Stadterneuerung. Die Straßen der Altstadt werden, von der erhöhten Hügellage beginnend, zur Gänze neu gepflastert.
Albanien verdoppelt jährlich die Zahl der Touristen. Kein Wunder – zählt das kleine Land mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern mittlerweile längst schon zu den Top Reisezielen von Individualreisenden. ♦
Bezugsquelle für Erdbeerbaum- und Bedunicahonig:
Guest House & Bletari „Sali“
Flora & Krenar Sali
Gostivisht, Përmet, Albania
Tel: + 355 68 47 94 569
Reisetipps:
Guest House & Bletari „Sali“/Gostivisht
Villa Përmet/Përmet
Restorant Antigonea/Përmet
Blerina Farm/Laknas
Uka Farm/Laknas
Vila Shard/Tirana
Hotel Livia/Butrint