Georgien – Jara Honig
Georgien – Jara Honig
Wie ein halbgeöffneter Sarg liegt der Jara Bienenstock vor uns. Der Deckel wird von einem eingespreizten Holzstück gehalten. Rauch quillt durch den Naturwabenbau, den die Bienen in Längsrichtung an der Innenseite des ausgehöhlten Lindenstammes befestigt haben und die den Hohlraum vollständig ausfüllen: Jara Imkerei, eine archaische Art der Honiggewinnung, die heute noch von etwa 100 Imkern in Adjarien, einer autonomen Provinz im Südwesten Georgiens, betrieben wird.
Monatelange Reisevorbereitungen waren vergebens. Der Zufall hatte die Regie übernommen und die Honigreise nach Georgien nimmt zunächst einen völlig anderen Verlauf als erwartet. Die geplante Route über den 2.000 Meter hohen Goderzi Pass ist laut Leihwagenvertrag restricted area. Wegen eines überraschenden Wintereinbruchs Ende Oktober ist die Strecke aber ohnehin gesperrt. Der Umweg ist beträchtlich und die Anreise zum reservierten Quartier beginnt im Starkregen und endet im Schneedesaster: Die feuchte Schneelast biegt ganze Bäume in die Fahrbahn, Felssturz und Schneematsch machen ein Weiterkommen unmöglich. Zuletzt erreicht uns noch die Nachricht des Vermieters: „Please don‘t come, no electricity, no heating“.
Das Ersatzquartier ist ein notdürftig adaptiertes und mit einem Heizstrahler beheiztes Zimmer im Obergeschoss eines Privathauses, spärlich beleuchtet von einer winzigen Deckenlampe. Bad und Klo gemeinsam mit den Eigentümern: Ein Einbruch in eine armselige Privatsphäre. Unsere Stimmung ist ebenso tief wie die Raumtemperatur während der Nacht. Die Miete hingegen ist beträchtlich und wird vorsorglich für zwei Tage einkassiert. Dafür gibt es kein Frühstück, kein warmes Wasser und einen Hausherrn, der sich, gelinde gesagt, etwas seltsam verhält. Tags darauf scheint der Obmann des örtlichen Imkervereins, den wir mit viel Mühe gefunden haben, nicht besonders motiviert zu sein mit uns zu kommunizieren. Den versprochenen Übersetzer gibt es nicht. Wir warten zwei Stunden in einem winzigen Büro, ohne dass sich uns der Sinn dieser Wartezeit erschließt, während er sich in seine Excel–Tabellen vertieft. Schließlich ergreifen wir die Flucht und machen uns auf eigene Faust auf die Suche nach Jara Honig.
Und der Zufall meint es diesmal gut mit uns. Frühmorgens hatte uns die verzweifelte Suche nach einem wärmenden Kaffee in einen unscheinbaren kleinen Laden geführt, an dessen Tür ein Foto von Kaffeebohnen prangte. Allerdings war das Bild nur Dekoration. Es gab zwar Kaffee, jedoch nur im Laden nebenan. Der Inhaber, Mamuka sein Name, holte uns türkischen Kaffee von seinem Nachbarn und verkaufte uns Tabak und selbst geerntete Haselnüsse. Durch Bilder auf meinem iPad erfuhr er den Zweck unserer Reise und bot sich sofort an, uns zu begleiten. Sein Bruder sei Imker und auch Besitzer einiger Jara Bienenstöcke.
Eine traditionelle Jara Klotzbeute hat mehrere Besonderheiten vorzuweisen. Sie hat eine Länge von 80 bis 120 cm und besteht zur Gänze aus Holz. Die Aufstellweise ist horizontal. Der untere Teil hat an der Außenseite drei etwa ein cm breite Fluglöcher für die Bienen. Im oberen Teil trennt ein exakt in der Mitte angebrachter Schied den Brut- vom Honigraum. Die Entnahme der Honigwaben erfolgt nur bis zum Schied. Der Brutraum darf bei der Honigernte nicht angerührt werden. Ein Jara Imker greift pro Jahr nur dreimal in das Leben der Bienen ein: Das erste Mal im März zur Frühlingsrevision. Eine etwaige Notfütterung darf nur mit Honig erfolgen. →
Da keine Maßnahmen zur Schwarmverhinderung erlaubt sind, werden die Schwärme je nach Witterung Ende April bis Ende Mai gefangen. Der dritte Eingriff ist die Ernte der Honigwaben und erfolgt etwa Mitte Juli. Die vollen Waben werden gepresst oder als Wabenhonig verkauft.
Das Versprechen, nach dem vergeblichen Termin nochmals in Mamukas Trafik vorbeizukommen, lösen wir jetzt gerne ein. Mamuka schließt kurzerhand seinen Laden, setzt sich zu uns ins Auto und weist uns den Weg. An einer engen, steil ansteigenden Hauszufahrt steigt ein weiterer Mann ins Auto. Es ist sein Bruder Mindia, der Imker. Die Schotterstraße wird immer steiler; der Allrad schafft gerade noch den letzten Ruck und wir erreichen das Wohnhaus der Imkerfamilie Samnize. Vier kleine Mädchen, Mindias Ehefrau Darina und seine Mutter begrüßen uns aufs Herzlichste.
Imker Mindia Samnize, zwei seiner Töchter und seine Mutter vor einem Jara Bienenstock Traditionell wurden Jara Bienenstöcke fern von Siedlungen im Wald in einigen Metern Höhe auf Bäumen befestigt, wo sie vor Bären und anderen wilden Tieren geschützt waren. Ein sicherer Stellplatz waren auch schwer zugängliche Felswände, in denen sie auf teils abenteuerlich anmutende Holzgerüste gestellt wurden. Die meisten der heute noch aktiven Jara Imker verwenden neben den traditionellen Klotzbeuten auch moderne Magazinbeuten und haben diese in der Nähe ihrer Häuser aufgestellt, da dies die Produktivität wesentlich erhöht. So auch im Garten von Mindia Samnize. Der etwa 40-jährige Imker besitzt neben 30 Magazinbeuten auch zwei Jara Bienenstöcke. Er lebt mit seiner Familie auf einem kleinen, malerisch gelegenen Bauernhof in der Nähe der Ortschaft Keda. Das wenige ebene Land, das in dieser bewaldeten, hügeligen Gegend verfügbar ist, wird von den beiden Kühen beweidet oder als Garten genutzt.
Das Haupteinkommen der Familie stammt vom Verkauf des Honigs und von Haselnüssen, die in dieser Region überall zu finden sind. Bäuerliche Selbstversorgung war in dieser abgelegenen Region immer schon ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Wie so häufig bei Besuchen von Imkern ist die Gastfreundschaft überwältigend. Auf den Besuch der Bienenstöcke in der Haselnussplantage folgt eine Einladung in das Wohnzimmer des alten Bauernhauses. Mindia führt uns weiter ins Kinderzimmer, wo im hintersten Winkel ein Schatz lagert. Eine großer Glasballon voll Jara Honig. Einige Gläser des zähflüssigen, dunkel-bernsteinfarbenen Honigs werden für die Gäste gefüllt. Die beiden Töchter im Volksschulalter filmen das Schauspiel mit ihren Smartphones.
Die Kommunikation mit der Imkerfamilie Samnize beschränkt sich, mangels gemeinsamer Sprache, auf freundliche Gesten und viel Essen. Und unzählige Fotos werden gemacht und auch gezeigt, um das Woher sowie den Grund der Reise verständlich zu machen.
Oma Samnize und ihre Schwiegertochter Darina servieren inzwischen ein großzügiges Mittagessen mit Zutaten aus der eigenen Landwirtschaft. Es gibt Joghurt und mehrere Sorten Käse. Als Beilage kommt gekochter Buchweizen und selbstgebackenes Brot auf den Tisch. Dazu gereicht wird Chacha, ein selbstgebrannter Schnaps sowie Türkischer Kaffee. Und der Höhepunkt des Mahles ist selbstverständlich ein Teller voll mit Wabenstücken des Jara Honigs. Die geschmackliche Dominanz der Edelkastanie im Honig ist unverkennbar. ↓
Wie ein halbgeöffneter Sarg liegt der Jara Bienenstock vor uns. Der Deckel wird von einem eingespreizten Holzstück gehalten. Rauch quillt durch den Naturwabenbau, den die Bienen in Längsrichtung an der Innenseite des ausgehöhlten Lindenstammes befestigt haben und die den Hohlraum vollständig ausfüllen: Jara Imkerei, eine archaische Art der Honiggewinnung, die heute noch von etwa 100 Imkern in Adjarien, einer autonomen Provinz im Südwesten Georgiens, betrieben wird.
Monatelange Reisevorbereitungen waren vergebens. Der Zufall hatte die Regie übernommen und die Honigreise nach Georgien nimmt zunächst einen völlig anderen Verlauf als erwartet. Die geplante Route über den 2.000 Meter hohen Goderzi Pass ist laut Leihwagenvertrag restricted area. Wegen eines überraschenden Wintereinbruchs Ende Oktober ist die Strecke aber ohnehin gesperrt. Der Umweg ist beträchtlich und die Anreise zum reservierten Quartier beginnt im Starkregen und endet im Schneedesaster: Die feuchte Schneelast biegt ganze Bäume in die Fahrbahn, Felssturz und Schneematsch machen ein Weiterkommen unmöglich. Zuletzt erreicht uns noch die Nachricht des Vermieters: „Please don‘t come, no electricity, no heating“.
Das Ersatzquartier ist ein notdürftig adaptiertes und mit einem Heizstrahler beheiztes Zimmer im Obergeschoss eines Privathauses, spärlich beleuchtet von einer winzigen Deckenlampe. Bad und Klo gemeinsam mit den Eigentümern: Ein Einbruch in eine armselige Privatsphäre. Unsere Stimmung ist ebenso tief wie die Raumtemperatur während der Nacht. Die Miete hingegen ist beträchtlich und wird vorsorglich für zwei Tage einkassiert. Dafür gibt es kein Frühstück, kein warmes Wasser und einen Hausherrn, der sich, gelinde gesagt, etwas seltsam verhält. Tags darauf scheint der Obmann des örtlichen Imkervereins, den wir mit viel Mühe gefunden haben, nicht besonders motiviert zu sein mit uns zu kommunizieren. Den versprochenen Übersetzer gibt es nicht. Wir warten zwei Stunden in einem winzigen Büro, ohne dass sich uns der Sinn dieser Wartezeit erschließt, während er sich in seine Excel–Tabellen vertieft. Schließlich ergreifen wir die Flucht und machen uns auf eigene Faust auf die Suche nach Jara Honig.
Und der Zufall meint es diesmal gut mit uns. Frühmorgens hatte uns die verzweifelte Suche nach einem wärmenden Kaffee in einen unscheinbaren kleinen Laden geführt, an dessen Tür ein Foto von Kaffeebohnen prangte. Allerdings war das Bild nur Dekoration. Es gab zwar Kaffee, jedoch nur im Laden nebenan. Der Inhaber, Mamuka sein Name, holte uns türkischen Kaffee von seinem Nachbarn und verkaufte uns Tabak und selbst geerntete Haselnüsse. Durch Bilder auf meinem iPad erfuhr er den Zweck unserer Reise und bot sich sofort an, uns zu begleiten. Sein Bruder sei Imker und auch Besitzer einiger Jara Bienenstöcke.
Eine traditionelle Jara Klotzbeute hat mehrere Besonderheiten vorzuweisen. Sie hat eine Länge von 80 bis 120 cm und besteht zur Gänze aus Holz. Die Aufstellweise ist horizontal. Der untere Teil hat an der Außenseite drei etwa ein cm breite Fluglöcher für die Bienen. Im oberen Teil trennt ein exakt in der Mitte angebrachter Schied den Brut- vom Honigraum. Die Entnahme der Honigwaben erfolgt nur bis zum Schied. Der Brutraum darf bei der Honigernte nicht angerührt werden. Ein Jara Imker greift pro Jahr nur dreimal in das Leben der Bienen ein: Das erste Mal im März zur Frühlingsrevision. Eine etwaige Notfütterung darf nur mit Honig erfolgen. →
Da keine Maßnahmen zur Schwarmverhinderung erlaubt sind, werden die Schwärme je nach Witterung Ende April bis Ende Mai gefangen. Der dritte Eingriff ist die Ernte der Honigwaben und erfolgt etwa Mitte Juli. Die vollen Waben werden gepresst oder als Wabenhonig verkauft.
Das Versprechen, nach dem vergeblichen Termin nochmals in Mamukas Trafik vorbeizukommen, lösen wir jetzt gerne ein. Mamuka schließt kurzerhand seinen Laden, setzt sich zu uns ins Auto und weist uns den Weg. An einer engen, steil ansteigenden Hauszufahrt steigt ein weiterer Mann ins Auto. Es ist sein Bruder Mindia, der Imker. Die Schotterstraße wird immer steiler; der Allrad schafft gerade noch den letzten Ruck und wir erreichen das Wohnhaus der Imkerfamilie Samnize. Vier kleine Mädchen, Mindias Ehefrau Darina und seine Mutter begrüßen uns aufs Herzlichste.
Imker Mindia Samnize, zwei seiner Töchter und seine Mutter vor einem Jara Bienenstock Traditionell wurden Jara Bienenstöcke fern von Siedlungen im Wald in einigen Metern Höhe auf Bäumen befestigt, wo sie vor Bären und anderen wilden Tieren geschützt waren. Ein sicherer Stellplatz waren auch schwer zugängliche Felswände, in denen sie auf teils abenteuerlich anmutende Holzgerüste gestellt wurden. Die meisten der heute noch aktiven Jara Imker verwenden neben den traditionellen Klotzbeuten auch moderne Magazinbeuten und haben diese in der Nähe ihrer Häuser aufgestellt, da dies die Produktivität wesentlich erhöht. So auch im Garten von Mindia Samnize. Der etwa 40-jährige Imker besitzt neben 30 Magazinbeuten auch zwei Jara Bienenstöcke. Er lebt mit seiner Familie auf einem kleinen, malerisch gelegenen Bauernhof in der Nähe der Ortschaft Keda. Das wenige ebene Land, das in dieser bewaldeten, hügeligen Gegend verfügbar ist, wird von den beiden Kühen beweidet oder als Garten genutzt.
Das Haupteinkommen der Familie stammt vom Verkauf des Honigs und von Haselnüssen, die in dieser Region überall zu finden sind. Bäuerliche Selbstversorgung war in dieser abgelegenen Region immer schon ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Wie so häufig bei Besuchen von Imkern ist die Gastfreundschaft überwältigend. Auf den Besuch der Bienenstöcke in der Haselnussplantage folgt eine Einladung in das Wohnzimmer des alten Bauernhauses. Mindia führt uns weiter ins Kinderzimmer, wo im hintersten Winkel ein Schatz lagert. Eine großer Glasballon voll Jara Honig. Einige Gläser des zähflüssigen, dunkel-bernsteinfarbenen Honigs werden für die Gäste gefüllt. Die beiden Töchter im Volksschulalter filmen das Schauspiel mit ihren Smartphones.
Die Kommunikation mit der Imkerfamilie Samnize beschränkt sich, mangels gemeinsamer Sprache, auf freundliche Gesten und viel Essen. Und unzählige Fotos werden gemacht und auch gezeigt, um das Woher sowie den Grund der Reise verständlich zu machen.
Oma Samnize und ihre Schwiegertochter Darina servieren inzwischen ein großzügiges Mittagessen mit Zutaten aus der eigenen Landwirtschaft. Es gibt Joghurt und mehrere Sorten Käse. Als Beilage kommt gekochter Buchweizen und selbstgebackenes Brot auf den Tisch. Dazu gereicht wird Chacha, ein selbstgebrannter Schnaps sowie Türkischer Kaffee. Und der Höhepunkt des Mahles ist selbstverständlich ein Teller voll mit Wabenstücken des Jara Honigs. Die geschmackliche Dominanz der Edelkastanie im Honig ist unverkennbar. ↓
Das mehrheitlich von muslimischen Einwohnern besiedelte Adjarien ist bekannt für seine reizvolle subtropische Landschaft mit ihren 121 Kilometern Schwarzmeerküste, den üppig grünen Hügeln und den Bergen des Kleinen Kaukasus, deren höchste Erhebung immerhin mehr als 3.700 m Seehöhe erreicht. Mit 1.500 mm Niederschlag ist die Region die feuchteste in ganz Georgien. Die Bienenflora
der autonomen Provinz ist dementsprechend vielfältig und reicht von Zitrusplantagen im küsten-nahen Tiefland über Kastanien-, Linden- und Akazienwälder in den Hügeln, wo im Unterholz vier Arten von Rhododendron, Bergahorn, Seidelbast, Gundermann sowie der Gewöhnliche Schneeball häufig vorkommen. Die alpine Zone lockt die Bienen u.a. mit Sommertamariske, Kaukasus-Sterndolde, Wegdistel, Bohnenkraut und Ysop. Schutzgebiete und Nationalparks bedecken etwa 20 % des Territoriums von Adjarien.
Wie alt die traditionelle Art der Jara Bienenhaltung ist, lässt sich nur schwer datieren. Wissenschaftlich gesichert ist hingegen, dass Georgien das Land des ältesten Honigs ist. Beim Bau der Ölpipeline Baku-Batumi entdeckten Bauarbeiter im Jahre 2004 in der Nähe des Ortes Sakire auf 2.289 m Seehöhe jungsteinzeitliche Hügelgräber aus dem 27. bis 25. vorchristlichen Jahrhundert. Unter den Grabbeigaben für eine Frau, die im Alter von etwa 50 Jahren verstorben war, befanden sich drei Tonkrüge mit Honigresten. Pollenanalysen der georgischen Palynologin Eliso Kvavadze ergaben, dass es sich um unterschiedliche Honige handelte. Es ist dies der älteste Honig, der jemals auf der Welt gefunden wurde.
Wir verlassen Adjarien in Richtung der südöstlich gelegenen Nachbarregion Meschetien und folgen dabei dem spektakulären Lauf des Flusses Mtkvari. An waghalsige Überholmanöver und weidende Kühe auf dem Mittelstreifen der Autobahn haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Zu schaffen machen uns allerdings die tiefen Schlaglöcher auf der Straße, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Karges, hügeliges Weideland und Gebüsch mit wenigen Bäumen entlang des mäandernden Gewässers dominieren die Landschaft.
Das kleine Land Georgien mit seinen sechs Klimazonen hat gleich mehrere agrargeschichtliche Superlative aufzuweisen. Mit einer Fläche, die etwas kleiner als die von Österreich ist, ist Georgien nicht nur das Land des ältesten Honigs, sondern gilt auch als die Wiege des Weinbaus mit einer Vielzahl an autochthonen Rebsorten. Ein Foto auf der Webseite des georgischen Winzerstars Giorgi Natenadze hatte unser Interesse erregt. Der Weinbauer sitzt auf einem etwa 400-jährigen Rebstock, dessen Ausmaße kolossal zu sein scheinen. Darunter steht das Zitat „…so I am making wild wines from wildly growing foraged grapes in the volcanic mountaineer region of Meskheti, where everything is wild and natural.“ Diesen Weinstock wollen wir mit eigenen Augen sehen.
Als „Wunder von Gottes Hand“ beschrieb ein persischer Historiker im 16. Jahrhundert die Höhlenstadt von Vardzia, erbaut in einer mächtigen Kalksteinwand und Fixpunkt für alle Georgientouristen. Uns interessiert vor allem die Hinterseite des Felsens, ein schwerzugängliches Hochtal in Südausrichtung, in dem das historische Dorf Chachkari liegt, das der Legende nach die Höhlenstadt Vardzia über ein komplexes Tunnelsystem mit Wein versorgt haben soll. Hier soll auch der uralte Weinstock stehen. Nur, wie findet man einen einzelnen Weinstock in der völlig verwilderten Umgebung eines verlassenen Dorfes? →
Der Winzer Giorgi Natanadze arbeitet seit 2016 an der Revitalisierung des Dorfes, aus dem seine Ahnen stammen und gründete mit Partnern den „Chachkari Development Fund“. Dieser ist für die Organisation der Restaurierung zuständig und leitet auch das Marketing für Touristen. Die Fortschritte sind allerdings überschaubar. Ganze zwei Familien leben noch in dem verlassenen Dorf. Ein etwas in die Jahre gekommener, weißer Kastenwagen mit russischem Kennzeichen und geöffneter Motor- haube steht auf vier Holzklötzen vor einem Guesthouse. Zwei Kühe weiden friedlich am Wegrand, ansonsten herrscht völlige Stille im Dorf. Bondo, der etwa 50-jährige Hausbesitzer ist gerade beim Schnapsbrennen, als wir vorbeikommen. Ihm entgeht kein Tourist, von denen, wie er sagt, immer mehr kommen, vor allem aus Österreich und Deutschland. Er führt uns in seine Vorratskammer, in der eine beachtliche Zahl an Gläsern mit eingemachtem Gemüse steht. Das Werk seiner Frau Khatuna meint er erklärend mit einem originellen Mix aus Russisch, Englisch und Gebärdensprache. Mit touristischer Routine füllt er zwei Gläser mit bronzefarbenem Weißwein aus einer im Boden eingelassenen Tonamphore und schenkt gleich darauf die gleiche Menge an Chacha ein. „Sliwowitz“, erklärt er und „Na sdorowje“. Er selbst trinke jedoch nicht, da er noch deutsche Touristen zu transportieren habe und der Weg hierher sei sehr gefährlich. Unser Blick fällt auf ein vergilbtes Stalinbild zwischen den Gemüsegläsern. Sein Vater sei Stalinist gewesen, er nicht, kommentiert er schmunzelnd.
Etwas überrascht ist Bondo von unserer Frage nach Natenadzes Weinstock. Nach einigem Zögern weist er uns den Pfad, der wenige Meter nach seinem Haus nach rechts abzweigt und an einer Felswand entlang ins Gebüsch führt. Inmitten von verwilderten Obstbäumen und direkt neben einer Höhle, die früher als Weinpresse gedient haben soll, finden wir den uralten Rebstock.
Obwohl in den Ausmaßen faszinierend und in der Form zumindest ähnlich, ist der Weinstock beträchtlich kleiner und weit weniger spektakulär als auf der Fotomontage der Webseite des Imkers. Weinmarketing ist eben eine perfekte Spielwiese für agrargeschichtliche Simulation, ein Tummelplatz für Geschichtenerzähler.
Und Chachkari? Ein Ort im Dornröschenschlaf, dornenumrankt und verwildert. Und Dornröschen scheint noch tief und fest zu schlafen und vom wohlhabenden Touristen–Prinzen zu träumen, der es endlich wachküsst. ♦
Bezugsquelle für Jara Honig:
Mindia Samnize, Pirveli Maisi
Keda, Adjara, Georgien, Tel: 558-12-97-64
Reisetipps:
Menabdes Winery/Ozurgeti
Lost Ridge Inn/Quedeli/Signagi
Vardzia
Chachkari
Das mehrheitlich von muslimischen Einwohnern besiedelte Adjarien ist bekannt für seine reizvolle subtropische Landschaft mit ihren 121 Kilometern Schwarzmeerküste, den üppig grünen Hügeln und den Bergen des Kleinen Kaukasus, deren höchste Erhebung immerhin mehr als 3.700 m Seehöhe erreicht. Mit 1.500 mm Niederschlag ist die Region die feuchteste in ganz Georgien. Die Bienenflora
der autonomen Provinz ist dementsprechend vielfältig und reicht von Zitrusplantagen im küsten-nahen Tiefland über Kastanien-, Linden- und Akazienwälder in den Hügeln, wo im Unterholz vier Arten von Rhododendron, Bergahorn, Seidelbast, Gundermann sowie der Gewöhnliche Schneeball häufig vorkommen. Die alpine Zone lockt die Bienen u.a. mit Sommertamariske, Kaukasus-Sterndolde, Wegdistel, Bohnenkraut und Ysop. Schutzgebiete und Nationalparks bedecken etwa 20 % des Territoriums von Adjarien.
Wie alt die traditionelle Art der Jara Bienenhaltung ist, lässt sich nur schwer datieren. Wissenschaftlich gesichert ist hingegen, dass Georgien das Land des ältesten Honigs ist. Beim Bau der Ölpipeline Baku-Batumi entdeckten Bauarbeiter im Jahre 2004 in der Nähe des Ortes Sakire auf 2.289 m Seehöhe jungsteinzeitliche Hügelgräber aus dem 27. bis 25. vorchristlichen Jahrhundert. Unter den Grabbeigaben für eine Frau, die im Alter von etwa 50 Jahren verstorben war, befanden sich drei Tonkrüge mit Honigresten. Pollenanalysen der georgischen Palynologin Eliso Kvavadze ergaben, dass es sich um unterschiedliche Honige handelte. Es ist dies der älteste Honig, der jemals auf der Welt gefunden wurde.
Wir verlassen Adjarien in Richtung der südöstlich gelegenen Nachbarregion Meschetien und folgen dabei dem spektakulären Lauf des Flusses Mtkvari. An waghalsige Überholmanöver und weidende Kühe auf dem Mittelstreifen der Autobahn haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Zu schaffen machen uns allerdings die tiefen Schlaglöcher auf der Straße, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Karges, hügeliges Weideland und Gebüsch mit wenigen Bäumen entlang des mäandernden Gewässers dominieren die Landschaft.
Das kleine Land Georgien mit seinen sechs Klimazonen hat gleich mehrere agrargeschichtliche Superlative aufzuweisen. Mit einer Fläche, die etwas kleiner als die von Österreich ist, ist Georgien nicht nur das Land des ältesten Honigs, sondern gilt auch als die Wiege des Weinbaus mit einer Vielzahl an autochthonen Rebsorten. Ein Foto auf der Webseite des georgischen Winzerstars Giorgi Natenadze hatte unser Interesse erregt. Der Weinbauer sitzt auf einem etwa 400-jährigen Rebstock, dessen Ausmaße kolossal zu sein scheinen. Darunter steht das Zitat „…so I am making wild wines from wildly growing foraged grapes in the volcanic mountaineer region of Meskheti, where everything is wild and natural.“ Diesen Weinstock wollen wir mit eigenen Augen sehen.
Als „Wunder von Gottes Hand“ beschrieb ein persischer Historiker im 16. Jahrhundert die Höhlenstadt von Vardzia, erbaut in einer mächtigen Kalksteinwand und Fixpunkt für alle Georgientouristen. Uns interessiert vor allem die Hinterseite des Felsens, ein schwerzugängliches Hochtal in Südausrichtung, in dem das historische Dorf Chachkari liegt, das der Legende nach die Höhlenstadt Vardzia über ein komplexes Tunnelsystem mit Wein versorgt haben soll. Hier soll auch der uralte Weinstock stehen. Nur, wie findet man einen einzelnen Weinstock in der völlig verwilderten Umgebung eines verlassenen Dorfes? →
Der Winzer Giorgi Natanadze arbeitet seit 2016 an der Revitalisierung des Dorfes, aus dem seine Ahnen stammen und gründete mit Partnern den „Chachkari Development Fund“. Dieser ist für die Organisation der Restaurierung zuständig und leitet auch das Marketing für Touristen. Die Fortschritte sind allerdings überschaubar. Ganze zwei Familien leben noch in dem verlassenen Dorf. Ein etwas in die Jahre gekommener, weißer Kastenwagen mit russischem Kennzeichen und geöffneter Motor- haube steht auf vier Holzklötzen vor einem Guesthouse. Zwei Kühe weiden friedlich am Wegrand, ansonsten herrscht völlige Stille im Dorf. Bondo, der etwa 50-jährige Hausbesitzer ist gerade beim Schnapsbrennen, als wir vorbeikommen. Ihm entgeht kein Tourist, von denen, wie er sagt, immer mehr kommen, vor allem aus Österreich und Deutschland. Er führt uns in seine Vorratskammer, in der eine beachtliche Zahl an Gläsern mit eingemachtem Gemüse steht. Das Werk seiner Frau Khatuna meint er erklärend mit einem originellen Mix aus Russisch, Englisch und Gebärdensprache. Mit touristischer Routine füllt er zwei Gläser mit bronzefarbenem Weißwein aus einer im Boden eingelassenen Tonamphore und schenkt gleich darauf die gleiche Menge an Chacha ein. „Sliwowitz“, erklärt er und „Na sdorowje“. Er selbst trinke jedoch nicht, da er noch deutsche Touristen zu transportieren habe und der Weg hierher sei sehr gefährlich. Unser Blick fällt auf ein vergilbtes Stalinbild zwischen den Gemüsegläsern. Sein Vater sei Stalinist gewesen, er nicht, kommentiert er schmunzelnd.
Etwas überrascht ist Bondo von unserer Frage nach Natenadzes Weinstock. Nach einigem Zögern weist er uns den Pfad, der wenige Meter nach seinem Haus nach rechts abzweigt und an einer Felswand entlang ins Gebüsch führt. Inmitten von verwilderten Obstbäumen und direkt neben einer Höhle, die früher als Weinpresse gedient haben soll, finden wir den uralten Rebstock.
Obwohl in den Ausmaßen faszinierend und in der Form zumindest ähnlich, ist der Weinstock beträchtlich kleiner und weit weniger spektakulär als auf der Fotomontage der Webseite des Imkers. Weinmarketing ist eben eine perfekte Spielwiese für agrargeschichtliche Simulation, ein Tummelplatz für Geschichtenerzähler.
Und Chachkari? Ein Ort im Dornröschenschlaf, dornenumrankt und verwildert. Und Dornröschen scheint noch tief und fest zu schlafen und vom wohlhabenden Touristen–Prinzen zu träumen, der es endlich wachküsst. ♦
Bezugsquelle für Jara Honig:
Mindia Samnize, Pirveli Maisi
Keda, Adjara, Georgien, Tel: 558-12-97-64
Reisetipps:
Menabdes Winery/Ozurgeti
Lost Ridge Inn/Quedeli/Signagi
Vardzia
Chachkari