Griechenland – Der Honig aus der tiefsten Schlucht der Erde
Griechenland – Der Honig aus der tiefsten Schlucht der Erde
Das erstbeste Wirtshaus erweist sich als Glücksgriff. Die Taverne „En Aristi“ liegt im Schatten zweier riesiger Platanen. Serviert wird Mittagessen vom Feinsten: Delikate Salate, Lamm in verschiedenen Variationen, Moussaka und Bohnenragout. Komfortable Gästezimmer verleiten zu einem erquicklichen Mittagsschlaf. Am späten Nachmittag steigen wir vom Bergdorf Vikos ab in die gleichnamige Schlucht. Zwei gewaltige Felswände öffnen sich in Trichterform, um sich gegen Süden wieder zu verengen. Der Ausblick ist spektakulär, das Rauschen des türkis-blauen Flusses atemberaubend. Unten am Wasser ist ein magischer Ort: Auf einer grünen Anhöhe inmitten von üppigem Bewuchs steht eine kleine orthodoxe Kirche. Ein winziger Eingang führt in einen dunklen Raum mit vergilbten Heiligenbildern an den Wänden. Devotionalien liegen auf dem verfallenen Altar. Links und rechts der steingedeckten Kirche befinden sich Nebenräume. Der eine Raum könnte als Stall gedient haben, ein Kamin in der Wand des anderen vermittelt eher Wohnzimmeratmosphäre: Die perfekte Eremitage eines Heiligen. Etwas unterhalb der Kirche tritt Quellwasser aus dem Gestein und fließt direkt in den Fluss. Eine Allee von Platanen säumt beidseitig das Flussufer, darunter ein unüberschaubares Gemenge von Schwemmholz und gerundeten Felsen, beides von Moos, Flechten und Efeu überwachsen. Der Fluss Voidomatis gibt nur wenig von seinem Verlauf preis und ver-schwindet bereits nach wenigen Metern um eine Biegung. Er entspringt im Pindosgebirge und vereinigt sich bereits wenige Kilometer flussabwärts mit dem Aoos. Als Vjosa durchfließt er als letzter gänzlich unregulierter Fluss den Südwesten Albaniens, um nahe Vlora ins Ionische Meer zu münden.
Nahe der steinernen Brücke von Koukouli hält ein weißer Jeep älteren Baujahres. In schmalen Lettern prangt der Schriftzug „Nomad Honey“, darunter stilisierte Bienenstöcke in einem Fichtenwald, das markante Logo des jungen Imkerpaares. Eleni, 39, ihr Mann Vassilis, 42, beide eher nordländische Erscheinungen und ihr dreijähriger Sohn Nicolas mit langen blonden Locken sind im Auto. Die nur wenige Wochen alte Tochter Eftichia ist in der Obhut der Großeltern geblieben. Nach einer kurzen Begrüßung folgt die Aufforderung: „Folgt uns im Auto!“ Wie so oft auf Imkerreisen beginnt eine Reise ins Ungewisse, die etliche Stunden dauern wird, die uns an Orte führt, die nur Einheimische kennen und in Wirtshäuser die allen Klischees von „reisen wie damals“ entsprechen.
Die Autofahrt bringt uns auf 1.450 m Seehöhe, ins Bergdorf Vradeto, zu einem der höchstgelegen Bienenstände Nordgriechenlands. Zwischen vereinzelten Schneefeldern blüht hier Mitte April erst die Kornelkirsche. Die Bienen sind aufgrund der verzögerten Vegetation in diesem Frühjahr noch nicht vor Ort. Sie werden erst Ende des Monats anreisen und bleiben voraussichtlich bis Oktober. Der Wagen hält auf der Schotterstraße, wenige Meter nach dem Ortsende von Vradeto. Eine kleine ebene Wiese ist umzäunt mit einem Elektrozaun, der die Bären abhalten soll. In etwa 1 km Entfernung befindet sich ein weiterer Stellplatz für Bienen. Wir steigen aus und wandern zum nahegelegenen Aussichtspunkt „Beloi“. Die Gesteinsplatten sind mancherorts zu hohen runden Türmen geschichtet, dazwischen befinden sich nackte, vegetationslose Stellen mit tiefen Erosionsspuren. Uraltes Weideland, früher von tausenden Schafen und Ziegen beweidet, neuerdings auch von Kühen. Da es nach Regen aussieht, wandern wir rasch. Am Aussichtspunkt sind die gefährlichsten Stellen mit einer kleinen Steinmauer gesichert. →
Wiederum erwartet uns ein schwindelerregender Blick in die etwa 1.000 Meter tiefe Vikos Schlucht, diesmal von Süden. Vassilis erzählt von seiner Kindheit in einem Dorf des nördlichen Pindosgebirge. Sein Großvater war Zimmermann, in dieser waldreichen Region ein häufig zu findender Beruf. Er erzählt auch von einem Schneebrett, das seinen besten Freund mit in den Tod gerissen hat. Er wollte eben ein Foto von ihm machen, als die Schneemassen, nur wenige Zentimenter vor seinen eigenen Füßen losbrachen. Elenis Großmutter war Schneiderin. Sie zeigt ein Foto. Eleni ist darauf zu sehen, gekleidet in ein prunkvolles blaues Kleid, das ihr die Großmutter geschneidert hat. Sie wird es demnächst zur Taufe ihrer Tochter tragen.
Sobald das Gespräch auf Bienen und Honig kommt, scheint bei Vassilis ein sensibler Nerv getroffen zu sein. Er gerät im Laufe des Nachmittags immer wieder in eine Art mystische Entrückung. Mehrfach entschuldigt er sich für sein schlechtes Englisch. Eleni hingegen stellt eher den pragmatischen Teil des Imkerpaares dar.
„Als wir mit der Imkerei begonnen haben, probierten wir viele Standorte aus. Jetzt kennen wir die Plätze, aber auch wenn der Bienentransport nur von einem Platz zum nächsten geht, wir transportieren uns immer auch selbst, wir führen ein Nomadenleben“, erklärt Eleni. Und Vassilis ergänzt: „Unser Leben ist dort, wo die Bienen sind. Ich mag das Leben, wenn es kein Heim gibt, wenn es nicht um Besitz geht. Jetzt hier, dann dort, so wie der Wind. Das ist Freiheit. Das ist Freiheit für mich. „Nomade“ ist ein griechisches Wort. Wir transportieren unsere Bienen und wir transportieren uns selbst. Vradeto ist unser allerliebster Platz für die Bienen, wir schreien vor Freude wenn wir mit Bienen hierher kommen. Wir werden eins mit dem Ort. Der Platz ist zuhause, ist Sicherheit.“ Das Gespräch wir kurz unterbrochen, der kleine Nicolas ist auf ein Steindach geklettert. Eleni fährt fort: „Vassilis mag es, hier die Schuhe auszuziehen und die Erde zu spüren.“ Vassilis, inzwischen zurück mit seinem Sohn, atmet tief durch „Ich spüre: Das ist es… die Gegenwart, es ist wie Elektrizität!“ Er atmet erneut tief durch. „Ich fühle mich sicher, zuhause, wir sind Teil dieses Ortes.“
Epirus liegt im Nordwesten Griechenlands. Es ist die Region mit den höchsten Niederschlägen und den wenigsten Touristen. Die meisten Honige, die in dieser großteils gebirgigen Zone gewonnen werden, sind multifloral. Eichen- und Erikahonige gibt es hier reinsortig. Außerdem in den Ebenen noch Honige aus Feldkulturen wie z. B. Orangenblüten- und Baumwollhonig. Die Imkerei ist allerdings nicht so bedeutend wie etwa in Chalkidiki, Thasos oder Euböa, wo auch der ertragreiche Pinienhonig gewonnen werden kann. Die Wetterverhältnisse hier sind instabil. Die Zahl der Imker ist klein und die Honigerträge sind gering.
Warum also transportiert man Bienen an einen so abgelegenen Ort? In der Vikosschlucht treffen mediterrane Klimazone, Hochgebirgslage, hohe Niederschläge und Höhenunterschiede von 1.000 Metern auf engem Raume aufeinander. Die Region war Rückzugsgebiet für viele Pflanzen während der Eiszeiten. Botaniker haben in der Schlucht 1.700 Pflanzenarten gezählt, davon 360 direkt an unserem Fußweg vom Bienenstand bis hierher zum Aussichtspunkt. Nirgendwo anders in Griechenland haben Bienen eine derart große Auswahl an Trachtpflanzen. Was wäre ein fairer Preis für diesen besonderen Honig? „Honig ist die Seele dieser Pflanzen und der Landschaft“, sagt Vassilis. „Hundert Euro müsste ein Kilogramm kosten, weil guter Honig rarer ist als Gold.“ ↓
Das erstbeste Wirtshaus erweist sich als Glücksgriff. Die Taverne „En Aristi“ liegt im Schatten zweier riesiger Platanen. Serviert wird Mittagessen vom Feinsten: Delikate Salate, Lamm in verschiedenen Variationen, Moussaka und Bohnenragout. Komfortable Gästezimmer verleiten zu einem erquicklichen Mittagsschlaf. Am späten Nachmittag steigen wir vom Bergdorf Vikos ab in die gleichnamige Schlucht. Zwei gewaltige Felswände öffnen sich in Trichterform, um sich gegen Süden wieder zu verengen. Der Ausblick ist spektakulär, das Rauschen des türkis-blauen Flusses atemberaubend. Unten am Wasser ist ein magischer Ort: Auf einer grünen Anhöhe inmitten von üppigem Bewuchs steht eine kleine orthodoxe Kirche. Ein winziger Eingang führt in einen dunklen Raum mit vergilbten Heiligenbildern an den Wänden. Devotionalien liegen auf dem verfallenen Altar. Links und rechts der steingedeckten Kirche befinden sich Nebenräume. Der eine Raum könnte als Stall gedient haben, ein Kamin in der Wand des anderen vermittelt eher Wohnzimmeratmosphäre: Die perfekte Eremitage eines Heiligen. Etwas unterhalb der Kirche tritt Quellwasser aus dem Gestein und fließt direkt in den Fluss. Eine Allee von Platanen säumt beidseitig das Flussufer, darunter ein unüberschaubares Gemenge von Schwemmholz und gerundeten Felsen, beides von Moos, Flechten und Efeu überwachsen. Der Fluss Voidomatis gibt nur wenig von seinem Verlauf preis und ver-schwindet bereits nach wenigen Metern um eine Biegung. Er entspringt im Pindosgebirge und vereinigt sich bereits wenige Kilometer flussabwärts mit dem Aoos. Als Vjosa durchfließt er als letzter gänzlich unregulierter Fluss den Südwesten Albaniens, um nahe Vlora ins Ionische Meer zu münden.
Nahe der steinernen Brücke von Koukouli hält ein weißer Jeep älteren Baujahres. In schmalen Lettern prangt der Schriftzug „Nomad Honey“, darunter stilisierte Bienenstöcke in einem Fichtenwald, das markante Logo des jungen Imkerpaares. Eleni, 39, ihr Mann Vassilis, 42, beide eher nordländische Erscheinungen und ihr dreijähriger Sohn Nicolas mit langen blonden Locken sind im Auto. Die nur wenige Wochen alte Tochter Eftichia ist in der Obhut der Großeltern geblieben. Nach einer kurzen Begrüßung folgt die Aufforderung: „Folgt uns im Auto!“ Wie so oft auf Imkerreisen beginnt eine Reise ins Ungewisse, die etliche Stunden dauern wird, die uns an Orte führt, die nur Einheimische kennen und in Wirtshäuser die allen Klischees von „reisen wie damals“ entsprechen.
Die Autofahrt bringt uns auf 1.450 m Seehöhe, ins Bergdorf Vradeto, zu einem der höchstgelegen Bienenstände Nordgriechenlands. Zwischen vereinzelten Schneefeldern blüht hier Mitte April erst die Kornelkirsche. Die Bienen sind aufgrund der verzögerten Vegetation in diesem Frühjahr noch nicht vor Ort. Sie werden erst Ende des Monats anreisen und bleiben voraussichtlich bis Oktober. Der Wagen hält auf der Schotterstraße, wenige Meter nach dem Ortsende von Vradeto. Eine kleine ebene Wiese ist umzäunt mit einem Elektrozaun, der die Bären abhalten soll. In etwa 1 km Entfernung befindet sich ein weiterer Stellplatz für Bienen. Wir steigen aus und wandern zum nahegelegenen Aussichtspunkt „Beloi“. Die Gesteinsplatten sind mancherorts zu hohen runden Türmen geschichtet, dazwischen befinden sich nackte, vegetationslose Stellen mit tiefen Erosionsspuren. Uraltes Weideland, früher von tausenden Schafen und Ziegen beweidet, neuerdings auch von Kühen. Da es nach Regen aussieht, wandern wir rasch. Am Aussichtspunkt sind die gefährlichsten Stellen mit einer kleinen Steinmauer gesichert. →
Wiederum erwartet uns ein schwindelerregender Blick in die etwa 1.000 Meter tiefe Vikos Schlucht, diesmal von Süden. Vassilis erzählt von seiner Kindheit in einem Dorf des nördlichen Pindosgebirge. Sein Großvater war Zimmermann, in dieser waldreichen Region ein häufig zu findender Beruf. Er erzählt auch von einem Schneebrett, das seinen besten Freund mit in den Tod gerissen hat. Er wollte eben ein Foto von ihm machen, als die Schneemassen, nur wenige Zentimenter vor seinen eigenen Füßen losbrachen. Elenis Großmutter war Schneiderin. Sie zeigt ein Foto. Eleni ist darauf zu sehen, gekleidet in ein prunkvolles blaues Kleid, das ihr die Großmutter geschneidert hat. Sie wird es demnächst zur Taufe ihrer Tochter tragen.
Sobald das Gespräch auf Bienen und Honig kommt, scheint bei Vassilis ein sensibler Nerv getroffen zu sein. Er gerät im Laufe des Nachmittags immer wieder in eine Art mystische Entrückung. Mehrfach entschuldigt er sich für sein schlechtes Englisch. Eleni hingegen stellt eher den pragmatischen Teil des Imkerpaares dar.
„Als wir mit der Imkerei begonnen haben, probierten wir viele Standorte aus. Jetzt kennen wir die Plätze, aber auch wenn der Bienentransport nur von einem Platz zum nächsten geht, wir transportieren uns immer auch selbst, wir führen ein Nomadenleben“, erklärt Eleni. Und Vassilis ergänzt: „Unser Leben ist dort, wo die Bienen sind. Ich mag das Leben, wenn es kein Heim gibt, wenn es nicht um Besitz geht. Jetzt hier, dann dort, so wie der Wind. Das ist Freiheit. Das ist Freiheit für mich. „Nomade“ ist ein griechisches Wort. Wir transportieren unsere Bienen und wir transportieren uns selbst. Vradeto ist unser allerliebster Platz für die Bienen, wir schreien vor Freude wenn wir mit Bienen hierher kommen. Wir werden eins mit dem Ort. Der Platz ist zuhause, ist Sicherheit.“ Das Gespräch wir kurz unterbrochen, der kleine Nicolas ist auf ein Steindach geklettert. Eleni fährt fort: „Vassilis mag es, hier die Schuhe auszuziehen und die Erde zu spüren.“ Vassilis, inzwischen zurück mit seinem Sohn, atmet tief durch „Ich spüre: Das ist es… die Gegenwart, es ist wie Elektrizität!“ Er atmet erneut tief durch. „Ich fühle mich sicher, zuhause, wir sind Teil dieses Ortes.“
Epirus liegt im Nordwesten Griechenlands. Es ist die Region mit den höchsten Niederschlägen und den wenigsten Touristen. Die meisten Honige, die in dieser großteils gebirgigen Zone gewonnen werden, sind multifloral. Eichen- und Erikahonige gibt es hier reinsortig. Außerdem in den Ebenen noch Honige aus Feldkulturen wie z. B. Orangenblüten- und Baumwollhonig. Die Imkerei ist allerdings nicht so bedeutend wie etwa in Chalkidiki, Thasos oder Euböa, wo auch der ertragreiche Pinienhonig gewonnen werden kann. Die Wetterverhältnisse hier sind instabil. Die Zahl der Imker ist klein und die Honigerträge sind gering.
Warum also transportiert man Bienen an einen so abgelegenen Ort? In der Vikosschlucht treffen mediterrane Klimazone, Hochgebirgslage, hohe Niederschläge und Höhenunterschiede von 1.000 Metern auf engem Raume aufeinander. Die Region war Rückzugsgebiet für viele Pflanzen während der Eiszeiten. Botaniker haben in der Schlucht 1.700 Pflanzenarten gezählt, davon 360 direkt an unserem Fußweg vom Bienenstand bis hierher zum Aussichtspunkt. Nirgendwo anders in Griechenland haben Bienen eine derart große Auswahl an Trachtpflanzen. Was wäre ein fairer Preis für diesen besonderen Honig? „Honig ist die Seele dieser Pflanzen und der Landschaft“, sagt Vassilis. „Hundert Euro müsste ein Kilogramm kosten, weil guter Honig rarer ist als Gold.“ ↓
„Wir sind beide ausgebildete Ingenieure“, beschreibt Eleni den Werdegang des Imkerpaares. Vassilis hat an verschiedenen Projekten gearbeitet, unter anderem am Bau der Athener U-Bahn. Eleni hat den Abschluss meines Masterstudiums in England gemacht. Zu den Bienen kam Vassilis durch die Äbtissin des Klosters Kastritsa in der Stadt Ioannina. Sie war Imkerin und hatte mit ihren 85 Jahren immer noch 50 Bienenvölker. Vassilis half ihr immer wieder bei der Bienenarbeit. „Kannst du das halten, kannst du mir das machen… Und eines Tages sagte sie: Komm Vassilis, nimm zwei Bienenvölker! Nein, hat Vassilis gesagt, ich habe keine Zeit, ich kann mich nicht um Bienen kümmern.
Einige Zeit später sagte sie nochmals: Nimm die Bienenvölker und meinen Segen!“ Als Eleni ihren späteren Ehemann am Arbeitsplatz kennenlernte, hatte er bereits Bienen. Vassilis Erzählungen und viele Besuche an Bienenständen überzeugten sie schließlich, es auch mit Bienen zu versuchen. Das Paar heiratete und absolvierte gemeinsam eine Imkerausbildung an der Aristoteles Universität in Thessaloniki. Nach vier Jahren Erfahrung mit Bienen gaben beide ihre technischen Berufe auf und stürzten sich in das neue Leben als Berufsimker. Ihr Unternehmen Nomad Honey hat inzwischen 300 Bienenvölker. Geplant ist die Völkerzahl in den nächsten Jahren auf 400 bis 500 auszuweiten, da Vassilis Bruder ebenfalls in das Unternehmen einsteigen möchte. „Wir sind und bleiben ein Familien-unternehmen“, sagt Eleni „Only family hands.“
An ihrem Standort am Rande der Vikosschlucht ernten Eleni und Vassilis Mitte Juni den Wildblütenhonig. Ende August folgt dann der Honig von Mannstreu, einer Distelart, die ihre Hauptblüte in den trockenen Sommermonaten hat. Der Eichenhonig stammt von einem etwas tieferliegenden Bienenstand in der Nähe. Einen Teil der Bienen bringen die Imker in die Pinienwälder bei Kanalaki am Ionischen Meer, etwa 50 km südwestlich von Ioannina. Der Honigladen und die Verarbeitungsräume befinden sich, so wie auch ihre Wohnung in Katsikas, einem Ort in der Nähe von Ioannina.
In Vradeto gibt es neben den Nomadenimkern noch Platonos, den alten Imker im Dorf. Er ist das Vorbild und der Lehrmeister von Vassilis. Er schwärmt von Platonos ruhiger Art und Weise seine Arbeit bei den Bienen zu machen: „Ok Vassili, ruhig! Nimm das hier! Und jetzt mach das! Ruhig!“
Wie Platonos arbeiten auch die Nomadenimker ausschließlich mit der Makedonische Biene, Apis mellifera macedonica. Das natürliche Verbreitungsgebiet dieser geografischen Bienenrasse erstreckt sich von der Adria bis zum Schwarzen Meer und weiter bis in die Ukraine. Die Makedonica ist kleiner und vor allem schlanker als die im südöstlichen Alpenraum verbreitete Carnica, gehört jedoch ebenso wie diese zu den „grauen“ Bienen. Die Makedonische Biene gilt als sehr sanft, hat eine geringe Schwarmneigung trotz relativ starker Völker. Im Spätsommer bildet sie nur noch wenig Brut und überwintert in großen Kolonien.
Über die Arbeitsverteilung des jungen Imkerpaares sagt Eleni: „Wir sind beide Imker. Vassilis sagt, ich bin professioneller, ich weiß alles. Er sagt, ich kenne jedes Bienenvolk.“ Über Vasillis Zugang zu Bienen meint sie: „Vassilis spürt was Bienen brauchen, aber oft ist er gestresst. Es ist wirklich schlecht, wenn er gestresst ist. Ich mache dann die Arbeit mit den Bienen und er bringt mir die Rähmchen. Oder er macht andere Hilfsdienste. Aber bei uns gilt immer: Der eine ist die Hälfte des anderen.“
Vradeto ist eines der 50 Bergdörfer der Gemeinde Zagoria. Der kleine Ort war bis 1970 nur durch eine Steigtreppe mit 1.100 Stufen erreichbar. Sanfter Tourismus in allen Entwicklungsstufen prägt die Ortschaften von Zagoria und das in unterschiedlicher Weise. Aristi mit seinen komfortabel ausgebauten Gästehäusern erpfängt 70 % seiner Besucher aus Israel. Papigo und das etwas höhergelegenen Micro Papigo zieht Kletterer und Wandertouristen an, die auf den 2.436 m hohen Astraka steigen. In Vikos und Koukouli treffen sich deutsche Camper. Das hochgelegene Vradeto hingegen scheint vom Tourismus noch weitgehend unberührt. Was allen diesen Orten gemeinsam ist: Strenge Auflagen beim Hausbau und bei der Renovierung von Altbauten und damit ein einheitlicher Baustil. Die Häuser werden ausschließlich mit Stein gedeckt. →
Polymorphe Neubauten sucht man vergebens und es gibt auch kaum verfallene Ruinen. Selbst die Neubauweise der Häuser ist erstaunlich. Auf ein Betongerippe wird eine Isolierung von Styropor geklebt, die Fassade anschließend mit Stein verkleidet. Insgesamt entsteht ein homogenes Erscheinungsbild ohne Bausünden. Die Straßen sind autofrei, die Parkplätze befinden sich am Ortsrand. Die Dörfer locken mit einer hohen Dichte an Kaffeehäusern und Restaurants, die ausnahmslos sehr einladend wirken. Hühner-, Esel- und sonstige Tierhaltung rücken gemeinsam mit sonstigen Spuren des Alltagslebens an die Peripherie der Dörfer. So entsteht Raum für touristische Romantik samt der dafür notwendigen Infrastruktur.
Einladung zum Mittagessen in die Dorftaverne „Die Stiegen von Vradeto“: Die kleine Wirtsstube wirkt wie eine Almhütte vor 100 Jahren, ein kleiner zylinderförmiger Ofen spendet Wärme und dient als Toaster. Gebratene Wildschweinwurst steht auf der Tageskarte, dazu warmes, saures Gemüse und Bohnenragout, Fetakäse und eine Schüssel würziges Joghurt in kompakter Konsistenz. Die Speisen-auswahl lässt erahnen, dass die Zutaten zu diesem köstlichen Mahl keine weite Reise hinter sich haben. Im Winter ist der Wirt der einzige Bewohner des Dorfes und vertreibt sich die Zeit mit dem Destillieren von Schnaps, dem bekannten „Tsipouro“. Höhepunkt und Abschluss des Mittagessens ist die Verkostung dreier Nomadenhonige. Überraschend dunkel ist die Farbe des Frühlingsblütenhonigs aus der Vikosschlucht. Die intensiven floralen Aromen lassen eine Nähe zur mediterranen Flora erahnen. Der später geerntete Honig von Mannstreu ist noch eine Spur dunkler. Eine delikate, feine Säure und zarte Aromen von Menthol verleihen dem Honig eine charmante Harmonie und halten sich lange am Gaumen. Die Würze von Gerstenmalz prägt den Geruch des Eichenhonigs. Aromen von dunklem Bier mit zarten Bittertönen folgen im Geschmack.
„Die Biene ist für mich etwas wirklich Wildes und trotzdem so etwas wir Familie. Die Biene ist beides,
sie ist wild und sie ist Familie“ sagt Eleni. Auf die Frage nach der Bedeutung der Bienen für Vassilis, atmet dieser tief durch und sagt dann: „All die Traurigkeit und all die Fröhlichkeit im Leben zusammen. Wenn es unseren Bienen nicht gut geht, können wir auch nicht glücklich sein. Wenn wir zum Bienenstand kommen und die Bienen sind gesund und produktiv, dann ist alles perfekt. Es ist wie der Kuss meines Sohnes.“ Er ergänzt: „Nein, aber das Wirtschaftliche ist nicht Teil dieser Fröhlichkeit, es ist etwas anderes. Man hat zu überleben aber es ändert nichts an der Fröhlichkeit.“ Vassilis springt plötzlich auf und zieht seine leeren Hosensäckel heraus: „Meine Säckel sind voll von Fröhlichkeit, aber nicht mit Geld, nur voll von Fröhlichkeit.“
Und wo beginnt der Balkan? Dazu Eleni: „Viele Leute sagen, dass rein geografisch Griechenland Teil des Balkans sei, aber die meisten Griechen und auch ich selbst sage, wir können nicht Teil des Balkans sein, wegen der Kultur und der Sprache. Griechenland hat eine griechische Kultur, die sehr alt ist. Und das unterscheidet uns vom Balkan. Wir sind vielleicht in der Nähe des Balkans, aber nicht am Balkan.“
Auf die Zukunftspläne angesprochen meint Eleni: „Wir möchten irgendwann den Honigladen und die Wohnung in Ioannina aufgeben in die Berge ziehen. Dass Problem ist leider: Es gibt hier keine Schule für unsere Kinder.“ Vassilis hingegen träumt davon, 70 Jahre alt und immer noch aktiver Imker zu sein. Um dann mit 80 die Bienen auf den Rücken zu nehmen und zu fliegen. Und er möchte im Alter ganz so sein wie sein Imkervorbild Platonos: Ruhig und stolz. ♦
Bezugsquelle für Nomad Honey:
Eleni Plachura & Vassilis Ritas
Eth. Antistaseos 143
45221, Katsikas, Ioannion
Epirus, Greece
Tel: +30 6944 836 488
www.nomad-honey.gr
info@nomad-honey.gr
Reisetipps:
Restaurant En Aristi/Aristi
Restaurant Die Stufen von Vradeto/Vradeto
Astra Inn & Restaurant/Papigo
„Wir sind beide ausgebildete Ingenieure“, beschreibt Eleni den Werdegang des Imkerpaares. Vassilis hat an verschiedenen Projekten gearbeitet, unter anderem am Bau der Athener U-Bahn. Eleni hat den Abschluss meines Masterstudiums in England gemacht. Zu den Bienen kam Vassilis durch die Äbtissin des Klosters Kastritsa in der Stadt Ioannina. Sie war Imkerin und hatte mit ihren 85 Jahren immer noch 50 Bienenvölker. Vassilis half ihr immer wieder bei der Bienenarbeit. „Kannst du das halten, kannst du mir das machen… Und eines Tages sagte sie: Komm Vassilis, nimm zwei Bienenvölker! Nein, hat Vassilis gesagt, ich habe keine Zeit, ich kann mich nicht um Bienen kümmern.
Einige Zeit später sagte sie nochmals: Nimm die Bienenvölker und meinen Segen!“ Als Eleni ihren späteren Ehemann am Arbeitsplatz kennenlernte, hatte er bereits Bienen. Vassilis Erzählungen und viele Besuche an Bienenständen überzeugten sie schließlich, es auch mit Bienen zu versuchen. Das Paar heiratete und absolvierte gemeinsam eine Imkerausbildung an der Aristoteles Universität in Thessaloniki. Nach vier Jahren Erfahrung mit Bienen gaben beide ihre technischen Berufe auf und stürzten sich in das neue Leben als Berufsimker. Ihr Unternehmen Nomad Honey hat inzwischen 300 Bienenvölker. Geplant ist die Völkerzahl in den nächsten Jahren auf 400 bis 500 auszuweiten, da Vassilis Bruder ebenfalls in das Unternehmen einsteigen möchte. „Wir sind und bleiben ein Familien-unternehmen“, sagt Eleni „Only family hands.“
An ihrem Standort am Rande der Vikosschlucht ernten Eleni und Vassilis Mitte Juni den Wildblütenhonig. Ende August folgt dann der Honig von Mannstreu, einer Distelart, die ihre Hauptblüte in den trockenen Sommermonaten hat. Der Eichenhonig stammt von einem etwas tieferliegenden Bienenstand in der Nähe. Einen Teil der Bienen bringen die Imker in die Pinienwälder bei Kanalaki am Ionischen Meer, etwa 50 km südwestlich von Ioannina. Der Honigladen und die Verarbeitungsräume befinden sich, so wie auch ihre Wohnung in Katsikas, einem Ort in der Nähe von Ioannina.
In Vradeto gibt es neben den Nomadenimkern noch Platonos, den alten Imker im Dorf. Er ist das Vorbild und der Lehrmeister von Vassilis. Er schwärmt von Platonos ruhiger Art und Weise seine Arbeit bei den Bienen zu machen: „Ok Vassili, ruhig! Nimm das hier! Und jetzt mach das! Ruhig!“
Wie Platonos arbeiten auch die Nomadenimker ausschließlich mit der Makedonische Biene, Apis mellifera macedonica. Das natürliche Verbreitungsgebiet dieser geografischen Bienenrasse erstreckt sich von der Adria bis zum Schwarzen Meer und weiter bis in die Ukraine. Die Makedonica ist kleiner und vor allem schlanker als die im südöstlichen Alpenraum verbreitete Carnica, gehört jedoch ebenso wie diese zu den „grauen“ Bienen. Die Makedonische Biene gilt als sehr sanft, hat eine geringe Schwarmneigung trotz relativ starker Völker. Im Spätsommer bildet sie nur noch wenig Brut und überwintert in großen Kolonien.
Über die Arbeitsverteilung des jungen Imkerpaares sagt Eleni: „Wir sind beide Imker. Vassilis sagt, ich bin professioneller, ich weiß alles. Er sagt, ich kenne jedes Bienenvolk.“ Über Vasillis Zugang zu Bienen meint sie: „Vassilis spürt was Bienen brauchen, aber oft ist er gestresst. Es ist wirklich schlecht, wenn er gestresst ist. Ich mache dann die Arbeit mit den Bienen und er bringt mir die Rähmchen. Oder er macht andere Hilfsdienste. Aber bei uns gilt immer: Der eine ist die Hälfte des anderen.“
Vradeto ist eines der 50 Bergdörfer der Gemeinde Zagoria. Der kleine Ort war bis 1970 nur durch eine Steigtreppe mit 1.100 Stufen erreichbar. Sanfter Tourismus in allen Entwicklungsstufen prägt die Ortschaften von Zagoria und das in unterschiedlicher Weise. Aristi mit seinen komfortabel ausgebauten Gästehäusern erpfängt 70 % seiner Besucher aus Israel. Papigo und das etwas höhergelegenen Micro Papigo zieht Kletterer und Wandertouristen an, die auf den 2.436 m hohen Astraka steigen. In Vikos und Koukouli treffen sich deutsche Camper. Das hochgelegene Vradeto hingegen scheint vom Tourismus noch weitgehend unberührt. Was allen diesen Orten gemeinsam ist: Strenge Auflagen beim Hausbau und bei der Renovierung von Altbauten und damit ein einheitlicher Baustil. Die Häuser werden ausschließlich mit Stein gedeckt. →
Polymorphe Neubauten sucht man vergebens und es gibt auch kaum verfallene Ruinen. Selbst die Neubauweise der Häuser ist erstaunlich. Auf ein Betongerippe wird eine Isolierung von Styropor geklebt, die Fassade anschließend mit Stein verkleidet. Insgesamt entsteht ein homogenes Erscheinungsbild ohne Bausünden. Die Straßen sind autofrei, die Parkplätze befinden sich am Ortsrand. Die Dörfer locken mit einer hohen Dichte an Kaffeehäusern und Restaurants, die ausnahmslos sehr einladend wirken. Hühner-, Esel- und sonstige Tierhaltung rücken gemeinsam mit sonstigen Spuren des Alltagslebens an die Peripherie der Dörfer. So entsteht Raum für touristische Romantik samt der dafür notwendigen Infrastruktur.
Einladung zum Mittagessen in die Dorftaverne „Die Stiegen von Vradeto“: Die kleine Wirtsstube wirkt wie eine Almhütte vor 100 Jahren, ein kleiner zylinderförmiger Ofen spendet Wärme und dient als Toaster. Gebratene Wildschweinwurst steht auf der Tageskarte, dazu warmes, saures Gemüse und Bohnenragout, Fetakäse und eine Schüssel würziges Joghurt in kompakter Konsistenz. Die Speisen-auswahl lässt erahnen, dass die Zutaten zu diesem köstlichen Mahl keine weite Reise hinter sich haben. Im Winter ist der Wirt der einzige Bewohner des Dorfes und vertreibt sich die Zeit mit dem Destillieren von Schnaps, dem bekannten „Tsipouro“. Höhepunkt und Abschluss des Mittagessens ist die Verkostung dreier Nomadenhonige. Überraschend dunkel ist die Farbe des Frühlingsblütenhonigs aus der Vikosschlucht. Die intensiven floralen Aromen lassen eine Nähe zur mediterranen Flora erahnen. Der später geerntete Honig von Mannstreu ist noch eine Spur dunkler. Eine delikate, feine Säure und zarte Aromen von Menthol verleihen dem Honig eine charmante Harmonie und halten sich lange am Gaumen. Die Würze von Gerstenmalz prägt den Geruch des Eichenhonigs. Aromen von dunklem Bier mit zarten Bittertönen folgen im Geschmack.
„Die Biene ist für mich etwas wirklich Wildes und trotzdem so etwas wir Familie. Die Biene ist beides,
sie ist wild und sie ist Familie“ sagt Eleni. Auf die Frage nach der Bedeutung der Bienen für Vassilis, atmet dieser tief durch und sagt dann: „All die Traurigkeit und all die Fröhlichkeit im Leben zusammen. Wenn es unseren Bienen nicht gut geht, können wir auch nicht glücklich sein. Wenn wir zum Bienenstand kommen und die Bienen sind gesund und produktiv, dann ist alles perfekt. Es ist wie der Kuss meines Sohnes.“ Er ergänzt: „Nein, aber das Wirtschaftliche ist nicht Teil dieser Fröhlichkeit, es ist etwas anderes. Man hat zu überleben aber es ändert nichts an der Fröhlichkeit.“ Vassilis springt plötzlich auf und zieht seine leeren Hosensäckel heraus: „Meine Säckel sind voll von Fröhlichkeit, aber nicht mit Geld, nur voll von Fröhlichkeit.“
Und wo beginnt der Balkan? Dazu Eleni: „Viele Leute sagen, dass rein geografisch Griechenland Teil des Balkans sei, aber die meisten Griechen und auch ich selbst sage, wir können nicht Teil des Balkans sein, wegen der Kultur und der Sprache. Griechenland hat eine griechische Kultur, die sehr alt ist. Und das unterscheidet uns vom Balkan. Wir sind vielleicht in der Nähe des Balkans, aber nicht am Balkan.“
Auf die Zukunftspläne angesprochen meint Eleni: „Wir möchten irgendwann den Honigladen und die Wohnung in Ioannina aufgeben in die Berge ziehen. Dass Problem ist leider: Es gibt hier keine Schule für unsere Kinder.“ Vassilis hingegen träumt davon, 70 Jahre alt und immer noch aktiver Imker zu sein. Um dann mit 80 die Bienen auf den Rücken zu nehmen und zu fliegen. Und er möchte im Alter ganz so sein wie sein Imkervorbild Platonos: Ruhig und stolz. ♦
Bezugsquelle für Nomad Honey:
Eleni Plachura & Vassilis Ritas
Eth. Antistaseos 143
45221, Katsikas, Ioannion
Epirus, Greece
Tel: +30 6944 836 488
www.nomad-honey.gr
info@nomad-honey.gr
Reisetipps:
Restaurant En Aristi/Aristi
Restaurant Die Stufen von Vradeto/Vradeto
Astra Inn & Restaurant/Papigo