Türkische Schwarzmeerküste – Giftiger Honig

Bienenstand auf Metallstelzen als Schutz vor Bären.

„Die Gegend enthielt für sie weiter keine Merkwürdigkeit, als diese: es gab hier viele Bienenstöcke, und alle Soldaten, welche von den Honigwaben aßen, verloren ihre Besinnung, bekamen Erbrechen und Durchfall, und keiner konnte aufrecht stehen. Diejenigen, welche wenig gegessen hatten, glichen den stark Betrunknen; Andere, die viel genossen, wurden entweder wahnsinnig oder schienen sterben zu wollen. Es lagen so Viele da, als wäre hier eine Niederlage vorgefallen, und die Muthlosigkeit darüber war groß. Doch am folgenden Morgen war Keiner gestorben, sondern fast zu derselben Stunde erhielten sie den Gebrauch ihres Verstandes wieder; am dritten und vierten Tage standen sie auf, als wenn sie sich von einer Vergiftung erholt hätten.“ So beschreib der griechische Schriftsteller Xenophon um 370 v. Chr.

im vierten Buch seiner Anabasis die Wirkung des Honigs von Rhododendron ponticum, einer endemischen Bienentrachtpflanze, die im dichten Unterholz der Wälder an der türkischen Schwarzmeerküste vorkommt. Doch der psychoaktive Honig* ist nicht die einzige Besonderheit dieser Region.→

Auch die Gebirgsflora der Nordosttürkei ist, wie Christopher und Başak Gardner in ihrem Buch Flora of The Silk Road schreiben, nahezu einzigartig. Ein beträchtlicher Teil der vorkommenden Arten ist lediglich noch im Elburs-Gebirge, im Nordwesten des Iran anzutreffen, das ein ähnliches Klima aufweist. Im Detail liest sich etwa die botanische Beschreibung des Anzer Hochplateaus, der Herkunft des renommiertesten Lagenhonigs der Türkei, wie folgt: „Hier gibt es den teuersten Honig der Welt – angesichts der enormen Blütenvielfalt ist das kaum verwunderlich, denn die Bienen haben eine riesige Auswahl. Hoch aufragende Bestände von Campanula lactiflora mischen sich mit Centaurea helenoides, der sich herabneigenden Lathyrus rotundifolius und den wunderschönen, hohen blauen Blütenähren von Delphinium huetianum. Die Straße ist inzwischen schneefrei, sodass wir eine Höhe von fast 3000 Metern erreichen; dort finden sich in den Schuttflächen Corydalis alpestris sowie flächige Bestände der blassgelben Coronilla orientalis, durchsetzt mit reichlich Campanula colina. Auf steinigen Hangwiesen bieten sich zudem herrliche Anblicke von Papaver lateritium und den hohen Stängeln von Polygonum bistorta ssp.carnea, deren tiefrosa Blütenrispen sich im Wind wiegen.“ ↓

Unsere erste Kontaktperson auf dieser Honigreise ist Özlem Erol. Mit viel Mühe und auch etwas Fahrgeschick auf abenteuerlichen Straßen treffen wir die 47-jährige Hobbyimkerin in ihrem kleinen durchdesignten Holzhaus an einem gut versteckten Ort, hoch über den Hügeln der Kleinstadt Çamlihemsin: Es wird ein langes Gespräch bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Rundherum dichter, subtropischer Regenwald mit exotischen Vogellauten.

„Die Bienensaison im Firtinatal beginnt im Mai mit der Rhododendronblüte, die hier um Çamlihemsin sehr verbreitet ist“, erzählt Özlem. „Drei verschiedene Typen kommen hier vor: An der Küste die lilablühende Variante, im Hochgebirge die weiße. An steilen, felsigen Hängen gibt es noch die gelbblühende Art Rhododendron luteum. Die wichtigsten Bienentrachtpflanzen des Frühsommers sind Akazie, Kastanie, Linde und die hier heimische Lorbeerkirsche lat. Prunus laurocerasus. →

Nach der Linde blüht im Wald nur noch wenig, aber es gibt immer Blumen hier herum. Geerntet wird, normalerweise im Juli und vielleicht dann nochmals im September. Viele Imker haben heuer noch gar nicht geerntet und mit wem auch immer man spricht, die Saison läuft alles andere als gut“, erzählt Özlem.

Die studierte Modedesignerin lebte und arbeitete viele Jahre in Istambul und ließ sich vor rund 20 Jahren im Dorf ihrer Eltern nieder, das sie von den Sommerferien gut kannte. „ Ich liebe Design und den kreativen Teil dieser Industrie aber nicht die Realität des harten Geschäftes“, sagt sie. „Wir waren jeden Sommer hier, so kannte ich hier alle Leute. Es war wie ein Kindheitstraum, hierher zurückzukommen. Hier zu leben war anfangs nicht ganz einfach aber man gewöhnt sich an die Leute und die Leute gewöhnten sich an mich.“ Özlem betreibt einen Webshop und verkauft Textilien aus Hanffasern. Die Textiltechnik wird feretiko genannt, und war früher in der Region um die Provinzhauptstadt Rize sehr verbreitet. ↓

Imkerin Özlem Erol
Imkerin Özlem Erol

Und bald ist Özlem bei ihrem Lieblingsprojekt angelangt, dem Honigmuseum: „Wir haben vor zwei Jahren ein Projekt im Nachbarort Çinçiva gestartet. Im Zentrum, knapp bevor man zur alten osmanischen Steinbrücke kommt, steht ein altes, leerstehendes Schulhaus. Das ist der Platz, den wir bespielen möchten.Das Projekt ist fertig. Wir arbeiten mit einem Architekten, einigen Wissen-schaftlern und einer botanischen Illustratorin zusammen. Es wird nicht nur ein Museum, es wird ein Platz wo Künstler eingeladen werden und bleiben können als artists in residence. Es wird Aus-stellungen geben und Workshops über Honig und Imkerei. Özlem und ihre Partner haben das Projekt beim türkischen Kultur- und Tourismusministerium eingereicht und überraschenderweise eine Förderzusage erhalten. Auf das versprochene Geld warten sie allerdings noch.

Plötzich ein lautes Knacken im Wald. Özlem springt auf: „Der Bär!“ Sie erzählt, daß eine Bärin mit ihren Jungen hier zuletzt mehrfach gesichtet wurde und sie daher nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr zum Bienenstand in den Wald gehen möchte. Doch das Tier lässt sich nicht blicken. →

Özlem sieht zwei große Gefahren für das Tal und seine Bienen. Da wäre zuerst der Klimawandel:

„Wenn man im Hochland wandert, sieht man, dass viele Seen ausgetrocknet sind. Der Niederschlag wird weniger und vor allem unregelmäßiger. Auf den ersten Eindruck sieht es so aus, als wäre die Region sehr feucht aber in Wahrheit wird es trockener. Wenn es zwei, drei Tage sonnig ist, trocknet der Boden sofort aus. Die Feuchtigkeit bleibt nicht im Boden und das hat natürlich Einfluß auf Pflanzen und Bäume. Und auch die heftigen Temperaturschwankungen verursachen Stress für die Bienen. Es kann hier im Winter sehr heiß sein oder es kann mitten im Frühling zu schneien beginnen.“

Und dann wäre dann noch das zweite, größere Problem: Der Massentourismus. Özlem hatte sieben Jahre lang ein kleines, liebevoll renoviertes Hotel in Çamlihemsin geführt. Als dann vor etwa zehn Jahren der unkontrollierte Massentourismus einsetzte und das Tal von arabischen Touristen überrannt wurde, gab sie entnerft auf.

Was sie damit meint, war uns bereits bei der Ankunft in der Pension Pine Suite in Çamlihemsin aufgefallen: Straßenseits ein Wahnsinnsverkehr, ununterbrochene Kolonnen von schwarzen Kleinbussen mit abgedunkelten Scheiben die Touristen morgens Richtung Alm und abends zurück in die Unterkünfte weiter unten im Tal verfrachten. Nur der tosende Fluß vor dem Fenster der Pension macht den Aufenthalt erträglich. Abends fällt dann Nebel ins Tal und verhüllt die verlassene touristische Bühne. „Çamlihemsin gleicht jetzt einer Westernstadt nach Drehende“, sagt meine Reisebegleiterin.

Das Ziel der Touristenkarawane ist Ayder. Der auf etwa 1.000 m Seehöhe gelegene Luftkurort lockt mit plastikbegrünten Mistkübeln und 1.700 überdachten Parkplätzen. Der Themenpark Ayderland verspricht Erlebnis für alle und vermittelt gegen Eintritt jene Kultur der Almbewohner, die in Form von Artefakten chinesischer Provenienz an zahlreichen Verkaufsbuden gleich nebenan erworben werden können. Zwischen den Ständen flanieren die Besucher oder lassen sich zum Picknick in den Wiesen nieder. Eine in Bau befindliche Schnellstraße soll die Anreise künftig noch wesentlich erleichtern.

Wie überall ist auch der Massentourismus im Kaçkar-Gebirge Fluch und Segen zugleich. Wirtschaftlicher Wohlstand durch Straßenbau und „Ayderlandisierung“ für diejenigen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben: Pensionen werden zu Hotels, Bauern zu Statisten und Landschaft zur Kulisse. Ist die Büchse der Pandora einmal geöffnet, die „Tourismusentwicklung“ einmal losgetreten, so ist sie steuerlos und unumkehrbar. Verkehrslärm, Bauwut und Flächenfraß bedingen noch mehr Verkehrslärm, Bauwut und Flächenfraß. Bagger und Beton haben Hochkonjunktur. Was bleibt, sind häßliche Narben in der Landschaft.

 

Wir nächtigen in der rustikalen Şahin Pansyon, deren Zimmer den muffigen Charme der touristischen Pionierzeit ausstrahlen. Allein die Preise wurden renoviert und sind auf dem letzten Stand.
Der Wirt des gegenüberliegenden Ikizler Restaurants passt uns bei der Rückkehr vom Berg ab. Er lockt uns in sein Lokal, das mit seiner dreiseitigen Verglasung bei Börek und Ayran den besten Rundumblick ins abendliche Dorfgeschehen bietet: Ein schwarzer Kleinbus mit verdunkelten Scheiben und kleinem frontseitigem Sehschlitz fährt langsam durch eine Furt mit niedrigem Wasserstand. Eine verschleierte, schwarze Gestalt mit kleinem frontseitigem Sehschlitz und auch der Fahrer filmen aus den Autos heraus. Der Bus bleibt stehen. Die weibliche Gestalt steigt aus und filmt nun die freilaufenden Hühner. Weitere vermummte Gestalten erscheinen. „Sie sehen aus wie Barbamamas“, sagt meine Reisebegleiterin. Die Schleiergestalten wandeln, umringt von nicht verschleierten Kindern und Ehemännern die Dorfpromenade auf und ab und filmen dabei das abends selbstständig in den Stall zurückkehrende Weidevieh. Einige Tiere werden von Bauernkindern mit Stöcken durch das Labyrinth von parkenden Autos und Touristen getrieben. Kühe müssen geduldig für Selfies herhalten. Alte bäuerliche Tradition vermischt sich mit touristischen Neuerungen, ein potpourri der Ungleichzeitigkeit entsteht. Das Auftauchen und Verschwinden der Touristen ist der neue Tag-Nacht-Rhythmus. Vor-, Haupt- und Nachsaison sind die neuen Jahreszeiten.

Der Star des Geschehens ist ein mächtiger schwarzer Stier. Scheinbar unbeeindruckt lässt das Tier das allabendlich Fotoshooting über sich ergehen und strebt majästetisch seinem Stalle zu. Er ist der unbestrittene Herdenführer und Champion in der etwas außerhalb der Siedlung liegenden Stierkampfarena. Die alljährlichen Kämpfe vor begeistertem Publikum verlaufen unblutig. Die Stiere müssen ihre Kraft mit den Hörnern messen. Sobald klar ist wer der Stärkere ist, werden sie voneinander getrennt.

Murat Duman, Herr über 400 Bienenvölker.
Traditionelle Karakovan-Beute.

„Seit 10 Jahren sind die Araber hier“ sagt der Wirt und zuckt ratlos mit den Schultern. „Keiner mag sie, aber sie bringen Geld. Aber sie kommen nicht über das Dorf hinaus.“ Er verdient sein Geld auch als Wanderführer und ist Hemşinli, Nachkomme einer armenischen Minderheit, die im 14/15. Jahrhundert muslimisiert wurden. Ihre ursprüngliche Sprache und Kultur  ist weitgehend vergessen und nur wenige Relikte davon haben in Ortsnamen überlebt.

Abends verschwinden die Touristen mit ihren Bussen und die Kühe in ihre Ställe. Es wird ruhig im 2.300 m hoch gelegenen Kavrun mit seinen rechteckigen eingeschoßigen Gebäuden die auf beide Seiten des Tales verteilt sind. Nur noch das Rauschen des Flusses ist zu hören.

Doch zurück zum Gespräch mit Özlem Erol. Da die Imkerin keinen Honig zum Verkauf vorrätig hat, telefoniert sie kurz mit ihren Imkerfreund Murat Duman. Murat ist Berufsimker aus Yolkiyi, einem kleiner Weiler etwas oberhalb von Çamlihemsin.

Die Siedlung besteht aus mehreren für die Region typischen, zweistöckigen Holzhäusern, die von üppigen Gemüsefeldern umgeben sind. Murat ist Herr über 400 Bienenvölker. Die traditionelle Bienenbeute der türkischen Schwarzmeerregion wird aus einem ausgehöhlten Lindenstamm gefertigt und horizontal aufgestellt. Ein abnehmbarer, runder Deckel mit mehreren Einfluglöchern dient als frontseitige Abdeckung. An einer Karakovan-Beute öffnet Murat den hinteren Runddeckel und bläst mit einer Zigarette Rauch ins Bienenvolk. Stolz deutet er auf den prall mit Honig gefüllten Naturwabenbau. Er und sein Freund sind eben dabei, Bienenvölker auf einen kleinen Lastwagen zu laden. Frühmorgens werden die Bienen dann auf das Elevit Hochplateau gebracht, wo sie den restlichen Sommer verbringen. Und Murat, als echter Wanderimker wird einige Tage bei ihnen bleiben und dort Quartier beziehen. Auf seinem Mobiltelefon zeigt er Fotos mit langen Reihen von Bienenvölkern auf der Alm und kommentiert sie mit „çok güsel“ (sehr gut). Rhododendronhonig, türk. Komar bali hat er nicht. Zu kalt und zu verrregnet war das Frühjahr. Çok güsel ist auch der Preis seines Karokavan Honigs, der sich mit immerhin € 50.- pro Kilogramm zu Buche schlägt.

Den teuersten Honig unserer Reise kosten wir im Honigladen von Tuğrulan Torlak, Der 50-jährige Berufsimker mit 150 Völkern ist zufällig selbst anwesend und beim Besuch eines Imkerkollegen aus dem Ausland ist eine Einladung zum Tee und zum Besuch seiner Bienenstände unausweichlich. Kastanien- und Lindenhonig, daneben verschiedene Hochland-, Blüten- und Karakovanhonige bilden das Sortiment. Komar bal hat auch er nicht. Mit einem Kilopreis von umgerechnet € 140.- ist sein Honig von Anzer wohl einer der teuersten Lagenhonige der Welt.  Hellgelb und überraschend dünnflüssig bietet dieser Honig am Gaumen ein Feuerwerk an floralen Aromen. „Wir leben gut vom Honigverkauf“, tippt Tuğrulan ins Übersetzungsprogramm seines Mobiltelefons. Mit dem Nachsatz: „Ich bin ein ehrlicher Imker.“ Und dann zeigt der Jäger Tuğrulan noch ein Foto von einem erlegten Braunbären „Boz ayi – sometimes problem, sometimes not“.  „Legal“, ist sein knapper Kommentar zum Foto. Einen Besuch seiner Bienenstände müssen wir leider auf ein nächstes Mal verschieben.

Und wie riecht und schmeckt eigentlich Rhododendronhonig, frage ich Özlem Erol. „Typischer Honiggeruch“, meint die Hobbyimkerin. Wir sagen immer Komar bal riecht und schmeckt nach Honig. Ich kann es leider nicht besser beschreiben. Ich habe Komar bal mehrfach probiert, es hatte keine Auswirkungen auf mich. Aber ich kenne Geschichten von Leuten, die high davon wurden.“

Mit dem Komar Bal scheint es wohl so zu sein wie mit dem Bären. Alle reden von ihm, aber zu Gesicht bekommt man ihn nicht. 

*Der Blütennektar des Pontischen Rhododendron enthält Grayanotoxin. Der Stoff ist für Bienen ungefährlich, kann beim Menschen jedoch rauschähnliche Zustände bewirken. Als “komar bal” oder “deli bal” (verrückter Honig) bezeichnet, ist er in der Türkei frei erhältlich. In kleinen Mengen gilt „komar bal“ als nützliches Medikament.  In größeren ist es eine psychotrope Substanz. Die medizinischen Vorteile des Honigs sind zahlreich.  So soll der Honig von Rhododendron ponticum dabei helfen Stress abzubauen und Bluthochdruck, Impotenz, Migräne und Angstzustände zu behandeln.  Die maximal empfohlene Menge beträgt jedoch nur einen Teelöffel pro Tag.  Größere Mengen können zu Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Erbrechen, Krämpfen und Angstzuständen führen.

Reisetipps:

Restaurant Lale 1973/Çayeli
Kvacoli Balık Lokantasi /Pazar
AKDAĞ KEMER OTEL Otel/Çayeli 
Kalender Lokanta Ve Kafe/Trabzon
Restaurant Ikizler/Yukari Kavrun Yaylasi