Türkei/Ägäisküste – Der Honig der Superlative
Schwarzmeerküste Türkei – Giftiger Honig
„Die Gegend enthielt für sie weiter keine Merkwürdigkeit, als diese: es gab hier viele Bienenstöcke, und alle Soldaten, welche von den Honigwaben aßen, verloren ihre Besinnung, bekamen Erbrechen und Durchfall, und keiner konnte aufrecht stehen. Diejenigen, welche wenig gegessen hatten, glichen den stark Betrunknen; Andere, die viel genossen, wurden entweder wahnsinnig oder schienen sterben zu wollen. Es lagen so Viele da, als wäre hier eine Niederlage vorgefallen, und die Muthlosigkeit darüber war groß. Doch am folgenden Morgen war Keiner gestorben, sondern fast zu derselben Stunde erhielten sie den Gebrauch ihres Verstandes wieder; am dritten und vierten Tage standen sie auf, als wenn sie sich von einer Vergiftung erholt hätten.“ So beschreib der griechische Schriftsteller Xenophon um 370 v. Chr.
im vierten Buch seiner Anabasis die Wirkung des Honigs von Rhododendron ponticum, einer endemischen Bienentrachtpflanze, die im dichten Unterholz der Wälder an der türkischen Schwarzmeerküste vorkommt. Doch der psychoaktive Honig* ist nicht die einzige Besonderheit dieser Region.→
Auch die Gebirgsflora der Nordosttürkei ist, wie Christopher und Başak Gardner in ihrem Buch Flora of The Silk Road schreiben, nahezu einzigartig. Ein beträchtlicher Teil der vorkommenden Arten ist lediglich noch im Elburs-Gebirge, im Nordwesten des Iran anzutreffen, das ein ähnliches Klima aufweist. Im Detail liest sich etwa die botanische Beschreibung des Anzer Hochplateaus, der Herkunft des renommiertesten Lagenhonigs der Türkei, wie folgt: „Hier gibt es den teuersten Honig der Welt – angesichts der enormen Blütenvielfalt ist das kaum verwunderlich, denn die Bienen haben eine riesige Auswahl. Hoch aufragende Bestände von Campanula lactiflora mischen sich mit Centaurea helenoides, der sich herabneigenden Lathyrus rotundifolius und den wunderschönen, hohen blauen Blütenähren von Delphinium huetianum. Die Straße ist inzwischen schneefrei, sodass wir eine Höhe von fast 3000 Metern erreichen; dort finden sich in den Schuttflächen Corydalis alpestris sowie flächige Bestände der blassgelben Coronilla orientalis, durchsetzt mit reichlich Campanula colina. Auf steinigen Hangwiesen bieten sich zudem herrliche Anblicke von Papaver lateritium und den hohen Stängeln von Polygonum bistorta ssp.carnea, deren tiefrosa Blütenrispen sich im Wind wiegen.“ ↓
Allein die nackten Zahlen sind beeindruckend: Die Türkei ist, nach China, der zweitgrößte Honigproduzent weltweit. Innerhalb des Landes ist die Region Muğla, mit der Fläche des Landes Oberösterreich, so etwas wie das Epizentrum der Imkerei. Hier wiederum ist der Pinienhonig mit einem Anteil von 25 % an der landesweiten Honigproduktion von eminenter Bedeutung. Geschätzte 40.000 Arbeitsplätze hängen allein in der Region Muğla an der Imkerei und seinen nachgelagerten Sektoren wie Honigverarbeitung und –handel. Und nirgendwo auf der Welt gibt es eine derart hohe Bienendichte wie im Südwesten der Türkei zur Zeit der Pinienwaldtracht. Und noch ein letzter Superlativ. Die Türkei ist auch ein Land mit großer Bienenvielfalt. Ein Viertel der weltweit vorkommenden natürlichen Bienenrassen von Apis mellifera, der westlichen Honigbiene, gibt es hier.
Eine originelle Tourismuswerbung war das Kriterium für die Wahl des Reiseziels. „Einzigartige Dörfer für ländlicher Tourismus In Umgebung von Marmaris“ stand in recht freier Übersetzung und in unterschiedlichen Schrifttypen in einer Bildcollage von einer Ziegenherde, Portraits von Einheimischen, einer umzäunten Wiese, einer Erdbeere und eines Imkers samt Honigverkaufsstand. Unzeitgemäß und gerade deshalb anziehend. Dass diese Dörfer in der Region der türkischen Pinienhonigproduktion nahe der Stadt Marmaris auf der Bozburun Halbinsel liegen, macht sie nur noch attraktiver.
Die Bozburun-Halbinsel, ist eine 35 km lange Landzunge in der Region Muğla im äußersten Südwesten der Türkei, südlich der Bucht von Gökova. Das wirtschaftliche und touristische Zentrum ist die Stadt Marmaris. Das gesamte Gelände ist gebirgig und wird nur von wenigen Ebenen unterbrochen. Die teils steil aufragenden Berge reichen bis unmittelbar an das Meer, wodurch die Küste überwiegend felsig und zerklüftet ist. Es gibt hier viele kleine Buchten, die bei Seglern sehr beliebt sind. Erst sehr spät wurde die Halbinsel für den Autoverkehr mit Straßen erschlossen.
Die Ankunft in der Bucht von Gökova gleicht einer Landung in einem Land der Gegensätze. Mitten in einem Naturschutzgebiet wird der Kalkstein eines ganzen Gebirgszugs von Myriaden von Baggern abgeknabbert und anschließend mit Kolonnen von riesigen LKWs abtransportiert. Knapp vor der Küstenstadt Ören taucht dann, völlig unerwartet, in einer Schlucht der monumentale Schornstein einer Zementfabrik auf. Ungezügelte Bauwut hat die Türkei erfasst. Ein ganzes Land steht im Banne des Betons. In der Abendsonne kehrt der milde Sommer zurück mit dem betörenden Geruch der Pinien und dem sanften Schlag der Wellen des türkis-blauen Meeres. Das Wasser ist noch warm für Anfang November und der Waldboden bedeckt mit einem weichen Teppich aus langen Piniennadeln. Wir folgen der reizvollen Küstenstraße in Richtung Akakya. „Wo sind die Bienen?“ „Nicht hier!“ sagt der Wirt der erstbesten Absteige. Der Waldbrand von 2021 hat tiefe Spuren in einer Landschaft hinter-lassen, die noch Jahre später von Baggern leergeräumt wird. Morgens liegt Stille über der Bucht und ein zarter Nebelschleier. Unsere Honigreise führt uns weiter in den Süden.
Das Meer sehen wir wieder bei Marmaris, einer Küstenstadt, die verbaut ist bis zum äußersten Rand der sie umgebenden Bergwälder. Kreuzfahrtschiffe spucken ganze Rudel von sonnenverbrannten Halbnackttouristen an Land, britische Akzente feilschen lautstark im Großen Bazaar mit autochthonen Geschäftsleuten und Familien verschlingen Hotdogs in Etablissements der globalisierten System-gastronomie. Für besonders Abenteuerlustige werden Jeepsafaris ins Hinterland angeboten. Bezahlt wird in Pfund und das zu haarsträubenden Preisen. →
Pinienhonig ist rötlich-braun und der Geruch ist von harziger Würze mit Aromen von Jod. Am Gaumen dominiert eine milde Süße und der Geschmack von Karamell. Aufgrund des niedrigen Anteils an Glukose bleibt Pinienhonig sehr lange in flüssigem Zustand und kristallisiert erst nach mehreren Jahren. Die Nektarquelle von Pinienhonig ist Honigtau. Die Bienen sammeln an den Zweigen einiger mediterraner Pinienarten wie Pinus halepensis oder Pinus brutia den Zuckerextrakt der Schildlausart Marchalina hellenica. Das Insekt beginnt mit der Honigtauproduktion im August und diese Sekretion kann den ganzen Winter hindurch bis zum Frühjahr des Folgejahres anhalten. Die Schildlaus verbirgt sich in den Spalten der Pinienborke und ist bedeckt von einem weißen, watteartigen Geflecht auf dem die Honigtautröpfchen abgesondert werden. Mitte August erfolgt der „erste Honigtaufluss“. Im September stoppt die Honigtauproduktion für einige Tage um danach in den „zweiter Honigtaufluss“ überzugehen. Ab jetzt erfolgt die Honigtauproduktion nur langsam aber kontinuierlich bis ins Früh-jahr. Eine Sammeltätigkeit der Bienen ist jedoch während des Winters nur bei günstigem Wetter möglich. Im Frühjahr wenn die Temperaturen wieder steigen, findet dann der „dritte Honigtaufluss“ statt, der erst Mitte Mai endet. Die Bienen sammeln den Honigtau, fermentieren diesen im Bienenstock, trocknen ihn und produzieren so den Honig. Die Hauptsaison liegt zwischen August und Oktober. Um die Sammeltätigkeit der Bienen zu ermöglichen, muss die Luftfeuchtigkeit über 65 % und die Temperatur über 20°C liegen. Das massenhafte Vorkommen dieses Spätsommerhonigs macht die Region zu einem beliebten Ziel für Wanderimker, die oft die gesamte Zeit der Pinienwaldtracht in Wohnwägen oder eigens errichteten Hütten bei den Bienen verbringen. Enorme Zahlen an Bienenvölkern auf kleinem Gebiet mit einer Bienendichte von mehreren hundert Völkern pro km2 sind hier keine Seltenheit.
Unsere Suche nach gutem Pinienhonig gestaltet sich nicht einfach. Überall am Straßenrand wird er an kleinen Ständen unter der Bezeichnung „Çam bali“ zum Verkauf angeboten. Unser Gewährsmann für den guten Honigkauf ist der 57 Jahre alte Imker und Gastwirt Şenol Şahin. Für das Abendessen in seinem Restaurant Şahin in Bayir hat er Fisch besorgt, was außerhalb der Saison nicht ganz einfach ist. „Vater und Großvater waren bereits Imker, mein Sohn übernimmt vielleicht einmal den Betrieb“, erzählt Şenol stolz in einem Mix aus Deutsch und Englisch, während er das Abendessen serviert. Seine Gäste hätten es ihm beigebracht. Mit der diesjährigen Ernte ist er zufrieden. Vom Pinienhonig gab es 25 kg pro Bienenvolk, von anderen Sorten weniger. Pinienhonig ist hier in den Bergen die wichtigste Honigsorte. An der Küste gibt es viel Thymian-, Eukalyptus- und Johannisbrotbaumhonig. Rege Wandertätigkeit mit den 600 Bienenvölkern bis weit ins anatolische Hochland hinein, erweitert das Sortenspektrum der Imkerfamilie Şahin um Fenchel-, Astralagus- und den besonders begehrten Schwarzkümmmelhonig.
Die Waldbrände, die im August 2021 ausbrachen, zerstörten innerhalb weniger Tage auch einen Großteil des Waldes im Norden der Bozburun-Halbinsel. Die Einwohner sind bis heute schwer traumatisiert. Şenol erinnert sich: „Es war ein schlimmes Erlebnis, das ganze Dorf wurde für 10 Tage evakuiert. Wir haben geweint vor Schmerz, als wir gehen mussten und wir haben geweint vor Freude als wir wiederkamen und sahen, dass das Feuer 150 Meter vor unserem Haus halt gemacht hatte.“ ↓
Auch die Gebirgsflora der Nordosttürkei ist, wie Christopher und Başak Gardner in ihrem Buch Flora of The Silk Road schreiben, nahezu einzigartig. Ein beträchtlicher Teil der vorkommenden Arten ist lediglich noch im Elburs-Gebirge, im Nordwesten des Iran anzutreffen, das ein ähnliches Klima aufweist. Im Detail liest sich etwa die botanische Beschreibung des Anzer Hochplateaus, der Herkunft des renommiertesten Lagenhonigs der Türkei, wie folgt: „Hier gibt es den teuersten Honig der Welt – angesichts der enormen Blütenvielfalt ist das kaum verwunderlich, denn die Bienen haben eine riesige Auswahl. Hoch aufragende Bestände von Campanula lactiflora mischen sich mit Centaurea helenoides, der sich herabneigenden Lathyrus rotundifolius und den wunderschönen, hohen blauen Blütenähren von Delphinium huetianum. Die Straße ist inzwischen schneefrei, sodass wir eine Höhe von fast 3000 Metern erreichen; dort finden sich in den Schuttflächen Corydalis alpestris sowie flächige Bestände der blassgelben Coronilla orientalis, durchsetzt mit reichlich Campanula colina. Auf steinigen Hangwiesen bieten sich zudem herrliche Anblicke von Papaver lateritium und den hohen Stängeln von Polygonum bistorta ssp.carnea, deren tiefrosa Blütenrispen sich im Wind wiegen.“
Ein schmaler Küstenstreifen, daran anschließend steilabfallende Hügel mit Schwarzteeplantagen, dahinter tief eingeschnittene und dichtbewaldete Täler, darüber Almen, die als Sommerweide genutzt werden und als krönender Abschluß der Gipfel des Kaçkar Dağı, der eine Höhe von 3.932 Metern erreicht. Das alles bietet hier die östliche Schwarzmeerküste seinen Besuchern auf einer Distanz von gerade einmal 50 Kilometern. Und dazu ein mildes, subtropisches Klima mit durch-schnittlichen Niederschlagsmengen von 2.300 mm pro Jahr. →
Unsere erste Kontaktperson auf dieser Honigreise ist Özlem Erol. Mit viel Mühe und auch etwas Fahrgeschick auf abenteuerlichen Straßen treffen wir die 47-jährige Hobbyimkerin in ihrem kleinen durchdesignten Holzhaus an einem gut versteckten Ort, hoch über den Hügeln der Kleinstadt Çamlihemsin: Es wird ein langes Gespräch bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Rundherum dichter, subtropischer Regenwald mit exotischen Vogellauten.
„Die Bienensaison im Firtinatal beginnt im Mai mit der Rhododendronblüte, die hier um Çamlihemsin sehr verbreitet ist“, erzählt Özlem. „Drei verschiedene Typen kommen hier vor: An der Küste die lilablühende Variante, im Hochgebirge die weiße. An steilen, felsigen Hängen gibt es noch die gelbblühende Art Rhododendron luteum. Die wichtigsten Bienentrachtpflanzen des Frühsommers sind Akazie, Kastanie, Linde und die hier heimische Lorbeerkirsche lat. Prunus laurocerasus.
Nach der Linde blüht im Wald nur noch wenig, aber es gibt immer Blumen hier herum. Geerntet wird, normalerweise im Juli und vielleicht dann nochmals im September. Viele Imker haben heuer noch gar nicht geerntet und mit wem auch immer man spricht, die Saison läuft alles andere als gut“, erzählt Özlem.
Die studierte Modedesignerin lebte und arbeitete viele Jahre in Istambul und ließ sich vor rund 20 Jahren im Dorf ihrer Eltern nieder, das sie von den Sommerferien gut kannte. „ Ich liebe Design und den kreativen Teil dieser Industrie aber nicht die Realität des harten Geschäftes“, sagt sie. „Wir waren jeden Sommer hier, so kannte ich hier alle Leute. Es war wie ein Kindheitstraum, hierher zurückzukommen. Hier zu leben war anfangs nicht ganz einfach aber man gewöhnt sich an die Leute und die Leute gewöhnten sich an mich.“ Özlem betreibt einen Webshop und verkauft Textilien aus Hanffasern. Die Textiltechnik wird feretiko genannt, und war früher in der Region um die Provinzhauptstadt Rize sehr verbreitet. ↓
Und bald ist Özlem bei ihrem Lieblingsprojekt angelangt, dem Honigmuseum: „Wir haben vor zwei Jahren ein Projekt im Nachbarort Çinçiva gestartet. Im Zentrum, knapp bevor man zur alten osmanischen Steinbrücke kommt, steht ein altes, leerstehendes Schulhaus. Das ist der Platz, den wir bespielen möchten.Das Projekt ist fertig. Wir arbeiten mit einem Architekten, einigen Wissen-schaftlern und einer botanischen Illustratorin zusammen. Es wird nicht nur ein Museum, es wird ein Platz wo Künstler eingeladen werden und bleiben können als artists in residence. Es wird Aus-stellungen geben und Workshops über Honig und Imkerei. Özlem und ihre Partner haben das Projekt beim türkischen Kultur- und Tourismusministerium eingereicht und überraschenderweise eine Förderzusage erhalten. Auf das versprochene Geld warten sie allerdings noch.
Plötzich ein lautes Knacken im Wald. Özlem springt auf: „Der Bär!“ Sie erzählt, daß eine Bärin mit ihren Jungen hier zuletzt mehrfach gesichtet wurde und sie daher nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr zum Bienenstand in den Wald gehen möchte. Doch das Tier lässt sich nicht blicken. →
Özlem sieht zwei große Gefahren für das Tal und seine Bienen. Da wäre zuerst der Klimawandel:
„Wenn man im Hochland wandert, sieht man, dass viele Seen ausgetrocknet sind. Der Niederschlag wird weniger und vor allem unregelmäßiger. Auf den ersten Eindruck sieht es so aus, als wäre die Region sehr feucht aber in Wahrheit wird es trockener. Wenn es zwei, drei Tage sonnig ist, trocknet der Boden sofort aus. Die Feuchtigkeit bleibt nicht im Boden und das hat natürlich Einfluß auf Pflanzen und Bäume. Und auch die heftigen Temperaturschwankungen verursachen Stress für die Bienen. Es kann hier im Winter sehr heiß sein oder es kann mitten im Frühling zu schneien beginnen.“
Und dann wäre dann noch das zweite, größere Problem: Der Massentourismus. Özlem hatte sieben Jahre lang ein kleines, liebevoll renoviertes Hotel in Çamlihemsin geführt. Als dann vor etwa zehn Jahren der unkontrollierte Massentourismus einsetzte und das Tal von arabischen Touristen überrannt wurde, gab sie entnerft auf.
Was sie damit meint, war uns bereits bei der Ankunft in der Pension Pine Suite in Çamlihemsin aufgefallen: Straßenseits ein Wahnsinnsverkehr, ununterbrochene Kolonnen von schwarzen Kleinbussen mit abgedunkelten Scheiben die Touristen morgens Richtung Alm und abends zurück in die Unterkünfte weiter unten im Tal verfrachten. Nur der tosende Fluß vor dem Fenster der Pension macht den Aufenthalt erträglich. Abends fällt dann Nebel ins Tal und verhüllt die verlassene touristische Bühne. „Çamlihemsin gleicht jetzt einer Westernstadt nach Drehende“, sagt meine Reisebegleiterin.
Das Ziel der Touristenkarawane ist Ayder. Der auf etwa 1.000 m Seehöhe gelegene Luftkurort lockt mit plastikbegrünten Mistkübeln und 1.700 überdachten Parkplätzen. Der Themenpark Ayderland verspricht Erlebnis für alle und vermittelt gegen Eintritt jene Kultur der Almbewohner, die in Form von Artefakten chinesischer Provenienz an zahlreichen Verkaufsbuden gleich nebenan erworben werden können. Zwischen den Ständen flanieren die Besucher oder lassen sich zum Picknick in den Wiesen nieder. Eine in Bau befindliche Schnellstraße soll die Anreise künftig noch wesentlich erleichtern.
Wie überall ist auch der Massentourismus im Kaçkar-Gebirge Fluch und Segen zugleich. Wirtschaftlicher Wohlstand durch Straßenbau und „Ayderlandisierung“ für diejenigen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben: Pensionen werden zu Hotels, Bauern zu Statisten und Landschaft zur Kulisse. Ist die Büchse der Pandora einmal geöffnet, die „Tourismusentwicklung“ einmal losgetreten, so ist sie steuerlos und unumkehrbar. Verkehrslärm, Bauwut und Flächenfraß bedingen noch mehr Verkehrslärm, Bauwut und Flächenfraß. Bagger und Beton haben Hochkonjunktur. Was bleibt, sind häßliche Narben in der Landschaft.
Wir nächtigen in der rustikalen Şahin Pansyon, deren Zimmer den muffigen Charme der touristischen Pionierzeit ausstrahlen. Allein die Preise wurden renoviert und sind auf dem letzten Stand.
Der Wirt des gegenüberliegenden Ikizler Restaurants passt uns bei der Rückkehr vom Berg ab. Er lockt uns in sein Lokal, das mit seiner dreiseitigen Verglasung bei Börek und Ayran den besten Rundumblick ins abendliche Dorfgeschehen bietet: Ein schwarzer Kleinbus mit verdunkelten Scheiben und kleinem frontseitigem Sehschlitz fährt langsam durch eine Furt mit niedrigem Wasserstand. Eine verschleierte, schwarze Gestalt mit kleinem frontseitigem Sehschlitz und auch der Fahrer filmen aus den Autos heraus. Der Bus bleibt stehen. Die weibliche Gestalt steigt aus und filmt nun die freilaufenden Hühner. Weitere vermummte Gestalten erscheinen. „Sie sehen aus wie Barbamamas“, sagt meine Reisebegleiterin. Die Schleiergestalten wandeln, umringt von nicht verschleierten Kindern und Ehemännern die Dorfpromenade auf und ab und filmen dabei das abends selbstständig in den Stall zurückkehrende Weidevieh. Einige Tiere werden von Bauernkindern mit Stöcken durch das Labyrinth von parkenden Autos und Touristen getrieben. Kühe müssen geduldig für Selfies herhalten. Alte bäuerliche Tradition vermischt sich mit touristischen Neuerungen, ein potpourri der Ungleichzeitigkeit entsteht. Das Auftauchen und Verschwinden der Touristen ist der neue Tag-Nacht-Rhythmus. Vor-, Haupt- und Nachsaison sind die neuen Jahreszeiten.
Der Star des Geschehens ist ein mächtiger schwarzer Stier. Scheinbar unbeeindruckt lässt das Tier das allabendlich Fotoshooting über sich ergehen und strebt majästetisch seinem Stalle zu. Er ist der unbestrittene Herdenführer und Champion in der etwas außerhalb der Siedlung liegenden Stierkampfarena. Die alljährlichen Kämpfe vor begeistertem Publikum verlaufen unblutig. Die Stiere müssen ihre Kraft mit den Hörnern messen. Sobald klar ist wer der Stärkere ist, werden sie voneinander getrennt.
„Seit 10 Jahren sind die Araber hier“ sagt der Wirt und zuckt ratlos mit den Schultern. „Keiner mag sie, aber sie bringen Geld. Aber sie kommen nicht über das Dorf hinaus.“ Er verdient sein Geld auch als Wanderführer und ist Hemşinli, Nachkomme einer armenischen Minderheit, die im 14/15. Jahrhundert muslimisiert wurden. Ihre ursprüngliche Sprache und Kultur ist weitgehend vergessen und nur wenige Relikte davon haben in Ortsnamen überlebt.
Abends verschwinden die Touristen mit ihren Bussen und die Kühe in ihre Ställe. Es wird ruhig im 2.300 m hoch gelegenen Kavrun mit seinen rechteckigen eingeschoßigen Gebäuden die auf beide Seiten des Tales verteilt sind. Nur noch das Rauschen des Flusses ist zu hören.
Doch zurück zum Gespräch mit Özlem Erol. Da die Imkerin keinen Honig zum Verkauf vorrätig hat, telefoniert sie kurz mit ihren Imkerfreund Murat Duman. Murat ist Berufsimker aus Yolkiyi, einem kleiner Weiler etwas oberhalb von Çamlihemsin.
Die Siedlung besteht aus mehreren für die Region typischen, zweistöckigen Holzhäusern, die von üppigen Gemüsefeldern umgeben sind. Murat ist Herr über 400 Bienenvölker. Auch etliche Karokavan Beuten befinden sich darunter. Die traditionelle Bienenbeute der türkischen Schwarzmeerregion wird aus einem ausgehöhlten Lindenstamm gefertigt und horizontal aufgestellt. Ein abnehmbarer, runder Deckel mit mehreren Einfluglöchern dient als frontseitige Abdeckung. An einer Karakovanbeutet öffnet Murat den hinteren Runddeckel und bläst mit einer Zigarette Rauch ins Bienenvolk. Stolz deutet er auf den prall mit Honig gefüllten Naturwabenbau. Er und sein Freund sind eben dabei, Bienenvölker auf einen kleinen Lastwagen zu laden. Frühmorgens werden die Bienen dann auf das Elevit Hochplateau gebracht, wo sie den restlichen Sommer verbringen. Und Murat, als echter Wanderimker wird einige Tage bei ihnen bleiben und dort Quartier beziehen. Auf seinem Mobiltelefon zeigt er Fotos mit langen Reihen von Bienenvölkern auf der Alm und kommentiert sie mit „çok güsel“ (sehr gut). Rhododendronhonig, türk. Komar bali hat er nicht. Zu kalt und zu verrregnet war das Frühjahr. Çok güsel ist auch der Preis seines Karokavan Honigs, der sich mit immerhin € 50.- pro Kilogramm zu Buche schlägt.
Den teuersten Honig unserer Reise kosten wir im Honigladen von Tuğrulan Torlak, Der 50-jährige Berufsimker mit 150 Völkern ist zufällig selbst anwesend und beim Besuch eines Imkerkollegen aus dem Ausland ist eine Einladung zum Tee und zum Besuch seiner Bienenstände unausweichlich. Kastanien- und Lindenhonig, daneben verschiedene Hochland-, Blüten- und Karakovanhonige bilden das Sortiment. Komar bal hat auch er nicht. Mit einem Kilopreis von umgerechnet € 140.- ist sein Honig von Anzer wohl einer der teuersten Lagenhonige der Welt. Hellgelb und überraschend dünnflüssig bietet dieser Honig am Gaumen ein Feuerwerk an floralen Aromen. „Wir leben gut vom Honigverkauf“, tippt Tuğrulan ins Übersetzungsprogramm seines Mobiltelefons. Mit dem Nachsatz: „Ich bin ein ehrlicher Imker.“ Und dann zeigt der Jäger Tuğrulan noch ein Foto von einem erlegten Braunbären „Boz ayi – sometimes problem, sometimes not“. „Legal“, ist sein knapper Kommentar zum Foto. Einen Besuch seiner Bienenstände müssen wir leider auf ein nächstes Mal verschieben.
Und wie riecht und schmeckt eigentlich Rhododendronhonig, frage ich Özlem Erol. „Typischer Honiggeruch“, meint die Hobbyimkerin. Wir sagen immer Komar bal riecht und schmeckt nach Honig. Ich kann es leider nicht besser beschreiben. Ich habe Komar bal mehrfach probiert, es hatte keine Auswirkungen auf mich. Aber ich kenne Geschichten von Leuten, die high davon wurden.“
Mit dem Komar Bal scheint es wohl so zu sein wie mit dem Bären. Alle reden von ihm, aber zu Gesicht bekommt man ihn nicht.
*Der Blütennektar des Pontischen Rhododendron enthält Grayanotoxin. Der Stoff ist für Bienen ungefährlich, kann beim Menschen jedoch rauschähnliche Zustände bewirken. Als “komar bal” oder “deli bal” (verrückter Honig) bezeichnet, ist er in der Türkei frei erhältlich. In kleinen Mengen gilt „komar bal“ als nützliches Medikament. In größeren ist es eine psychotrope Substanz. Die medizinischen Vorteile des Honigs sind zahlreich. So soll der Honig von Rhododendron ponticum dabei helfen Stress abzubauen und Bluthochdruck, Impotenz, Migräne und Angstzustände zu behandeln. Die maximal empfohlene Menge beträgt jedoch nur einen Teelöffel pro Tag. Größere Mengen können zu Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Erbrechen, Krämpfen und Angstzuständen führen.
Reisetipps:
Restaurant Lale 1973/Çayeli
Kvacoli Balık Lokantasi /Pazar
AKDAĞ KEMER OTEL Otel/Çayeli
Kalender Lokanta Ve Kafe/Trabzon
Restaurant Ikizler/Yukari Kavrun Yaylasi
Das Volk der Karier hatte die Halbinsel vor 2.600 Jahren erstmals besiedelt. Griechen, Perser, Mazedonier, Syrer, Römer, Byzantiner, Seldschuken und Osmanen folgten in späteren Jahrhunderten. Als der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Celebi im 17. Jahrhundert die Bozburun Halbinsel von Norden her bereiste, schrieb er: „Der Anfang vom Paradies ist bestimmt hier“. Ein Paradies mit starken Kontrasten zwischen Dörfern, die oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind. Wir besuchen Tasliça, das rustikale Bauerndorf am Ende der Welt, dann Sögüt, den hippen Urlaubsort in der Nachsaison und natürlich Bayir, das beschauliche Imkerdorf mit seinen hellgrünen Pinienwäldern wo wir auch Quartier beziehen.
Voll ländlichen Lebens ist Bayir. Die in einem nach Westen geöffnetem Talkessel gelegene Siedlung ist von hohen Bergen umgeben. Den zentralen Punkt bildet eine uralte Platane, deren dunkle Astlöcher wie die Augenhöhlen eines Totenschädels nach Westen starren. Der belebte Platz um den Baum wird von kleinen Läden, Häusern mit türkis-blauem Anstrich sowie einer Moschee gesäumt. Viele Tische stehen hier und rundherum die bunten Stühle des Dorfcafes Çineralti Kahve. An einem Quelle füllen die Bewohner ihre Kanister mit Trinkwasser. Fast jeder hier im Dorf ist Imker. Außerdem ist die Olivenernte voll im Gange. Die Pinienwälder mit ihrem üppigen Unterwuchs leuchten in einem einzigartig hellen Grünton und unterscheiden sich deutlich vom metallischen Graugrün der Olivenhaine an den Hängen im südlichen Teil des Talkessels. Ein Geruch von Würze und Feuchtigkeit entströmt diesen Wäldern und dazu das ununterbrochene Summen der Bienen.
In der Nacht suchen Scheinwerferkegel einzelner Autos die Berghänge entlang. Akustisch begleitet werden sie dabei von Hundegebell, Käuzchenrufen und Lauten uns unbekannter Nachtvögel. Frühmorgens startet das Konzert der Hähne im Talkessel, gefolgt vom Gebetsruf des Muezzins in dessen Nachhall an den Berghängen auch die Hunde einstimmen. Der Ruf des Muezzins strukturiert schon am zweiten Tag auch meinen Tagesablauf und ist das Signal für den täglichen Besuch des Platanencafes. Elstern streiten heute lautstark in den Zweigen. Der Herbststurm treibt dunkle Nebelschwaden von Meer her über die Bergspitzen und der Wirt ist in Sorge über herabstürzende Äste. Die morgendlichen Besucher des Cafés sind Stammgäste: Die Männer von der Müllabfuhr, der Schulbusfahrer, die Gemüselieferanten. Sie alle trinken hier täglich ihren Tee.
Bayir wird überragt von einem Felsen und den Ruinen der Festung Syrna. Der Legende nach ist die antike Stätte eine Gründung des Sohnes von Asklepios, des griechischen Gottes der Heilkunst, zu Ehren seiner Frau Syrna. Der Weg dorthin beginnt bei der alten Platane und führt zwischen Stein-mauern und kleinen landwirtschaftlich genutzten Terrassen. Oben angekommen finden wir eine archäologische Sehenswürdigkeit ersten Ranges ohne Eintritt und Touristenrummel. Der Übergang von Natur zu Steinmetzkunst ist fließend. Ein grandioser Blick auf den Bayir umgebenden Talkessel und das dahinterliegende Meer ist der Lohn für die Mühen des Aufstiegs. Über Bayir schrieb Evliya Celebi: „Unpassierbarer Berg, wo alle Arten von wilden Tieren leben“. Wir wagen die Weiterreise dennoch und fahren nach Tasliça, dem südlichsten Ort der Halbinsel Bozburun. →
Beim Verlassen des Autos steige ich prompt in einen mächtigen Kuhfladen. Auch sonst bietet der Ort jede Menge Infrastruktur für ländlichen Tourismus. Der im Prospekt angepriesene Markt entpuppt sich allerdings als Verkauf von wenigen Gemüsesorten ab Rampe eines LKW, dessen Besitzer wie ein gnädiger Pascha inmitten seiner Ware thront. Männer in dunkler Kleidung schleppen säckeweise Gemüse, meist nur von einer Art, in ihr Zuhause. Und der Schwarztee ist hier sagenhaft günstig. Eine Tasse Çaj kostet nur 0,15 türkische Lira, umgerechnet € 0,20.
Ziegen und Esel bestimmen das agrarische Landschaftsbild, das von mächtigen Steinmauern durchzogen wird. Und Kühe weiden auf den Ruinen der beiden antiken Städte Phoenix und Kasara. Steine jeder Art und Größe gibt es hier reichlich, dafür nur kümmerliche Weiden und sehr wenig Wasser. Die Dorfbewohner von Tasliça beziehen es seit Jahrhunderten aus dutzenden, tief in den Felsen gehauenen Brunnen, die sogar Namen tragen. Die Bauern, die seit Jahrhunderten mit wenig Wasser ihr Auskommen finden, pflanzen dürreresistente Pflanzen wie Oliven, Mandeln, Feigen, Johannisbrot, Karakılçık-Weizen und Weintrauben. Die Region ist reich an lokalen Sorten. So soll es in Taşlıca über 20 Feigensorten geben.
Die mühsame Wanderung durch eine Geröllhalde an den Strand von Tasliça endet in einem wogenden Müllballett. Dessen Hauptakteur, ein im Wasser treibender, blauer Kanister stemmt sich tapfer gegen seine Auflösung in Mikroplastik. Neugierig beäugt wird er dabei von einer Ziegenherde. Eine Bäuerin ruft uns zu sich in ihr improvisiertes, almhüttenähnliches Reich in traumhafter Lage mit Meerblick, das aus einem ausrangierten Minibus und Zeltplanen besteht. Es gibt Tee und Oliven, Käse und Brot, selbstverständlich hausgemacht. Ständig kommen Nachbarn vorbei. Auf die Frage, ob sie ins Meer schwimmen gehe, sagt sie: „Niemals, ich schaue viel lieber darauf.“
In Sögüt beziehen wir eine kleine Pension mit urbanem Flair am Strand und freuen uns über die Annehmlichkeiten des nachsaisonalen Tourismus wie günstigere Preise sowie guten Espresso und funktionierendes WLAN. Abends findet ein Dorffest aus Anlass des Nationalfeiertags statt. Mustafa Kemal Atatürk hatte auf den Tag genau vor 102 Jahren die Republik ausgerufen. Es gibt einen Umzug und Livemusik. Kinder tragen türkische Fähnchen in der Hand und Männer in mehreren Reihen marschieren unter einer riesigen türkischen Flagge. Essen für alle wird verteilt, Regionalpolitiker in glänzenden Anzügen schütteln Hände.
Tags darauf fahren wir noch einmal zurück nach Tasliça. An einer unglaublich schönen Stelle, die den Blick auf die Bucht von Gökova freigibt, stehen in drei langen Reihen, bogenförmig angeordnet, weißlackierte Bienenvölker. Ein mythischer Ort und wohl der schönste Platz, den sich ein Imker für seine Bienen ausdenken kann. ♦
Bezugsquelle Pinienhonig:
Şenol Şahin/Bayir
Tel: +90 530 766 69 56
Reisetipps:
Restaurant Şahin/Bayir
Restaurant Syrna & Bungalow/Bayir
Yalibasi Restaurant/Sögüt
Cafe & Pansiyon 333/Sögüt